1. Timotheus, 1695

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und v. 22. Ihr wisset / daß er rechtschaffen ist / denn wie ein Kind dem Vater / hat er mit mir gedienet am Evangelio. Daher man ja billig den Timotheum allen Studiosis Theologiae zu einem Exempel giebet / in welchem sie sich spiegeln können / ob sie in solchem ihrem Stande / darinnen sie leben / Gott wohlgefällig seyn oder nicht.

So ist nun dieses ein Wort der Ermahnung / welches in dem Nahmen (6) des HErrn gerichtet wird nicht allein an diejenigen / welche an disem Orte sich zum Dienste der Kirchen Gottes geschickt zu machen gedencken / sondern auch an alle / sie leben noch wircklich auf Universitäten oder nicht / so Studiosi Theologiae heissen. Wann durch die Göttliche Fügung dieses ihnen zu Gesichte kommet / so müssen sie wissen / daß ihnen dieser Spiegel vor Augen geleget werde / in welchem sie sich zu ihrem besten beschauen / und wenn sie dadurch gewahr werden / in welchen Stücken / und womit sie bißhero ihren Stand beflecket / solches verbessern mögen.

Timotheus war ein Jünger des HErrn / eines Jüdischen Weibes Sohn / die war gläubig/aber eines Griechischen Vaters / der hatte ein gut Gerüchte bey den Brü(7)dern j unter den Lystranern und zu Iconien Act. XVI,1.2. Der H. Geist thut nicht vergeblich Meldung des Glaubens / welcher zuvor gewöhnet in seiner Groß-Mutter Loide / und in seiner Mutter Eunike 2. Tim. 1,5. Ja er giebet zu erkennen / daß daher auch Timo­theus sey evtQecpOfiSVog, d. i. gleichsam mit der Muttermilch auferzogen in den Worten des Glaubens und der guten Lehre / bey welcher er immerdar gewesen sey / und habe also von Kind auf die H. Schrifft gelernet 1. Tim. IV,6. 2. Tim. 111,15. Also schämte sich Timotheus nicht die gute Lehre von seiner Mutter anzunehmen / noch Paulus ihm diese Lehrmeisterin fürzuhalten; Ja er hatte ein gut Gerüchte deswegen unter andern gläubigen Christen / daß (8) e r der Christlichen Zucht und Ermanung zum HErrn treulich gefolget.

Spiegelt euch hierinnen / ihr Studiosi Theologiae. Es ist ja wohl manchem von Gott diese Gnade wiederfahren / daß er fromme Eltern hat / oder zum wenigsten einen frommen Vater / oder eine gläubige Mutter / welche von Kind-auf nicht unter­lassen haben euch in den heilsamen Worten unsers HErrn JES U Christi / und in der Lehre zur Gottseligkeit 2 aufzuziehen / und mit vielen Ermahnungen mündlich und schrifftlich auf einen guten Weg zu weisen. Wie achtet man doch mehrentheils solche väterliche oder mütterliche Ermahnungen so geringe? Wie bald düncket man ihm selbst in seinen Augen viel klüger als seine Eltern? Ja schämet sich wohl gar der­selben? Wie (9) bald zureisset man doch Zaum und Zügel / und gedencket / die Unterthänigkeit vom vierdten Gebot erfordert / gehe nur auf das Kindliche Alter / da man noch unverständig sey / wenn man erwachsen / sey man nicht mehr so genau daran verbunden. Wie stimmet dieses mit dem Exempel des Timothei überein / oder vielmehr mit dem allervollkommensten Fürbilde des HErren JEsu selbst / von welchem schon gesaget war / daß er sey starck worden am Geist / voller Weißheit / und Gottes Gnade sey bey ihm gewesen Luc. II. v. 40. als der II. Geist von ihm zeuget / er sey mit seinen Eltern hinab gegangen / gen Nazareth kommen / und sey ihnen unterthan gewesen v. 51. und darauf wird dann auch von ihm gesaget / er habe zugenommen an Weiß(10)heit / Alter und Gnade / bey GOtt und den Menschen v. 52; Also würdet ihr gewiß auch mit dem Timotheo nach dem Exempel des HErrn JEsu zu nehmen an der warhafftigen Weißheit / so ihr eine iegliche / auch dem Ansehen nach sehr geringe Vermahnung eurer Eltern nicht in den Wind schlüget / sondern folgetet ihnen / als GOTT dem HErrn selbst. Ich halte dafür / daß es mit manchem Studioso weder in seinen studiis noch sonsten fort will / aus keiner andern Ursache / als weil er so gar keine rechtschaffene Kindliche Ehrerbietigkeit gegen seine Eltern hat / daß ihr

Vgl. 1. Tim.6,3.