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IV. Schriften zum Studium der Theologie
Wort nichts bey ihm gilt / oder wohl für ihren Augen sich heuchlerischer Weise fromm stellet / sie fälschlich berichtet / ihren sauren Schweiß verprasset / stets an ihnen zwacket / un/II/nöthige Unkosten verursachet / und sonst mit allerley übel verhalten ihnen manchen Seufftzer und Thränen auspresset / welche ihn dann biß in die Grube drücken / und allen Segen von GOtt verhindern. 0! daß man das 3te Capitel in dem Jesus Sirach nicht mit den Kinder-Schuhen vertreten / sondern aufs fleißigste widerholen und zu Hertzen nehmen möchte. Spiegelt euch aber auch darinnen / daß Timotheus schon in seiner Jugend ein so gutes Gerüchte gehabt. Wie viele verlassen sich darauf / es werde sich mit dem gottseligem Leben und Wandel wohl geben / wenn man erst ins Ampt käme / indessen müsse man sich seiner jungen Jahre in weltlicher Lust gebrauchen. Es zeigets aber leider die Erfahrung / wie schlecht sichs gebe / und wie man darnach so (12) gerne im Ampt sein voriges Studenten-Leben fortsetze. Daher findet man dann Prediger / welche in Gesellschafft die Karte mit zur Hand nehmen / Toback mit einander rauchen / einander Gantze und Halbe zutrincken / und so lange Bescheid thun / biß sie halb oder gar truncken sind / unnützen Schertz und Narrentheidung treiben / ihre alten Studenten- Lieder singen / Zänckerey anfangen / in der Gesellschafft gern der letzte Mann seyn / Kräntzchen halten / mit dem Weibs-Volck gleich andern Welt-Leuten tantzen und springen / und es als eine ihnen wohl-anständige Sache für einen Ehren-Tantz ausgeben / Schmausereyen und Banckete anstellen / die Ihrigen in aller Eitelkeit und Hoffart einher gehen lassen / fluchen / schwehren / und was des (13) greulichen Wesens mehr ist / von welchem allen mir die Exempel bekannt sind / und dieses nicht zu iemandes Verunglimpffung schreibe / sondern damit ich euch warne / ihr Studiosi Theologiae. So ist auch dieses / daß man das gottselige Leben biß ins Amt versparet / schnür stracks wider die Lehre des Apostels / welcher nicht will / daß man erstlich im Lehr-Ampt unsträfflich werde / sondern er spricht: 1. Tim. III. v. 10. Man lasse sie zuvor versuchen / darnach lasse man sie dienen j wenn sie unsträfflich sind. Weil sich aber die meisten darauf triegen / so geschiehet es auch / daß die allermeisten / welche zum Predig-Amt geordnet werden / gantz untüchtig und ungeschickt sind / daß ihnen eine einige Seele anvertrauet werde. Ach man wage es ja nicht (14) darauf / daß sich mit dem Kleid auch der Mann schon ändern / und mit der Zeit die Welt-Eitelkeit dem Menschen vergehen werde; Denn diese Hoffnung ist mißlich / und alle Aenderung selten weiter / als etwa aus Furcht der Schande vor andern / zu einem äusserlichen Moral-Leben / das aber noch die Sache nicht ausmachet; schreibet ein erfahrner Theologus. Das Studenten-Leben / wie es von den meisten leyder! absonderlich auf Universitäten geführet wird / auch so gar von denen / die sich Studiosi Theologiae nennen / ist ein rechtes heydnisches / ja teuffelisches Leben; und nichts ist den Regeln Christi mehr zuwider / als die maximen und Reguln / welche sie untereinander haben; und welcher der raisonableste Bursche heisset / der (15) pfleget der allerschlimmeste Christe zu seyn. Ein Studiosus will nicht gern seyn evvofiog, einiger Zucht / Gesetz / und guter Ordnung unterworffen / sondern ävofiog, persona legibus omnibus soluta, 3 ohne Zaum und Zügel. Er ist kein Soldat / will auch keiner werden / doch lernet er fechten; kein Courtisan / doch lernet er tantzen / und verbringet die meiste Zeit mit Müßiggang / und allerley fleischlichen Lüsten; lebet wieder göttliche / menschliche und natürliche Gesetze / in Balgen / Nacht-Schwärmen / Sauffen / Spielen und andern Sünden und Lastern / und nennet sich Legum Studiosum; stürmet auf seine Gesundheit hinein / und nennet sich
3 „Eine von allen Gesetzen freie Person“, zu den Begriffen tvvo/i.og und avo/iog vgl. 1. Kor. 9,21.