1. Timotheus, 1695

159

Quelle? Andere Bücher müssen euch nur darzu dienen / daß sie euch eine Anleitung geben / die Heil. Schrifft selbst mit rechtem Nutzen zu lesen. Sonst wünschet auch der seel. Lutherus, daß seine Bücher unter die Banck möchten gesteckt werden / wenn man sie mehr als Gottes Wort treiben wolte / davon er gar nachdrückliche Worte gebrauchet Tom. I. Alt. (26) f. 6. f. 506. Tom. 9. f. 518. 8 9 Lasset euch doch nicht verführen von unnützen Schwätzern / welche euch grosse Kunst verheissen. Folget dem Exempel des Timothei, und lasset das geoffenbahrete theure Wort Gottes euer rechtes Hauptwerck seyn / damit ihr stets umgehet / und es leset und betrach­tet / und alles andere weiter nicht achtet / als so fern es euch etwas beyträget / mit Gottes Wort desto besser umzugehen. Wann ihr diesem Rath folget / so wird es euch gelingen in eurem gantzen Studio Theologico; folget ihr aber nicht / so werdet ihr müssen von forne anfangen / und wenn ihr noch so lange studiret hättet; werdet auch keinen gewissen und festen Grund aller euer Wissenschafft finden / biß ihr alles andere gegen Gottes Wort lernet geringe achten.

Erweget doch die ernstliche Erf 27 )mahnung Deut. VI. v. 6.7.8.9. Jos. I. v. 8. Ps. I. v. 2.3. Ps. CXIX. Jer. XXIII. v. 22. Syr. XV. und glaubet gewißlich / daß der Satan in keinem Stücke einen Studiosum Theologiae mehr zu übervortheilen suche / als in diesen beyden j daß er ihn möge abwendig machen von der fleißigen Lesung und Be­trachtung des Göttlichen Worts / und daß er ihn schläffrig und laulicht mache im Gebeth.

Timotheus handelte nicht die II. Schrifft um der blossen äusserlichen Wissen­schafft willen / sondern dieselbige muste ihn unterweisen zur Seligkeit / daß er allerley Lehre / Straffe / Besserung j und Züchtigung in der Gerechtigkeit daraus schöpffte / damit er also ein vollkommener Gottes-Mensch würde / zu allem guten Werck geschickt 2. Tim. III. v. 15.16.17. (28) Er war auferzogen in den Worten des Glaubens und der guten Lehre 1. Tim. IV. v. 6. und war zugleich selbst ein Fürbild den Gläubigen im Wort / im Wandel / in der Liebe / im Geist / im Glauben j in der Keuschheit / v. 12. und Paulus gebothe ihm für GOtt / der alle Dinge lebendig machet / und für Christo JEsu / der unter Pontio Pilato gezeuget hat ein gut Bekäntnüß / daß er das Gebot halten solle ohne Flecken / untadelich / biß auf die Erscheinung unsers HErrn JESU Christi 1. Tim. VI. v. 13.14. und daß er halten solte an dem Fürbilde der heilsamen Worte I die er von ihm gehöret hatte /vom Glauben und von der Liebe in Christo JESU / und diese gute Beylage bewahren durch den H. Geist / der in uns wohnet 2. Tim. I. v. 13.14.

(29) Spiegelt euch hierinnen / Ihr Studiosi Theologiae, und prüfet euch / wie ihr in diesem Stücke der Ermahnung Pauli und dem Exempel des Timothei nach­kommet. Findet sichs ja / daß einer und der andere die Nothwendigkeit erkennet / die H. Schrifft für allen andern Büchern zu tractiren / so pflegets doch noch gerne am besten zu fehlen / nemlich das Wissen suchet man wohl / aber nicht ein gutes Gewissen. Und was ists Wunder? finden sich doch wol Theologi, welche kein Beden- cken tragen / öffentlich in die Welt zu schreiben / sie wären nicht dazu gesezet / daß sie die Studenten fromm / sondern nur daß sie dieselben gelehrt machen soltenJ Haben nun die Lehrer nicht einmahl den Zweck / durch ihre Lehre zu bessern / wie sollen denn die Zuhörer ihr Gemüthe auf (30) solchen Zweck richten? Was thut man damit anders / als daß man die Theologiam zu einer Scientia speculativa machet? Gar fein

8 Vorrede zum ersten Buch der Wittenberger Ausgabe der deutschen Schriften, 1539 (WA 50, 657ff.); An den christlichen Adel deutscher Nation, 1520 (WA 6, 459ff.); Vorlesung über 1. Mose 19 (WA 43, 93f.).

9 Antwort der Leipziger Theologischen Fakultät auf Franckes Apologia (1690), abgedruckt als Vorrede zurDoppelten Verthaidigung Des Eben-Bildes Der Pietisterey, Freyburg 1692, S.33.