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IV. Schriften zum Studium der Theologie
schreibet Gerson: Theologia est scientia affectiva non speculativa, 10 und Clemens Alexandrinus : fj rd rsXog ßeXncöaai ov öiddiai * 11 d. i. Die Gottesgelahrtheit bestehet nicht in dem blossen Wissen oder Betrachtung / sondern vielmehr in der Regierung des Willens und der affecten / welche den Zweck hat zu bessern / nicht zu lehren. Aber wie gar wenige sind wohl zu finden unter denen Studiosis Theologiae, welche Gottes Wort recht zu dem Ende für sich nehmen / daß sie ihr gantzes Leben in allen Stücken darnach einrichteten? Die Sprachen treibet man noch endlich / damit man gelehrt (31) werde; Die schweren Oerter untersuchet man / und machet viel Fragen darüber; aber wer kommet auf den rechten Grund / daß man GOttes Wort müsse in sein Leben verwandeln / gleich wie man die Speise in Fleisch und Blut verwandelt / wie Lutherus zu reden pfleget? 12 List man wohl täglich etwas in der H. Schrifft / daß man sein Hertz darnach prüfe / im Glauben an Gott sich stärcke / in der Liebe GOttes und des Nechsten sich erbaue / zum seligen Sterben sich bereite / die Welt und ihre Lüste hertzlicher verläugne / Gott über seine heilige Warheit preise / und in allen Früchten des Geistes zunehme? Thut ihr das nicht / was seyd ihr denn für Christen / zu ge- schweigen für Studiosi Theologiae? Geniesset man nicht täglich der leiblichen Speise zur (32) Erhaltung des Leibes? Ist denn nicht die Seele mehr denn der Leib? Wisset / ihr Studiosi Theologiae, wenn nicht alles euer Bibel-lesen / und alles euer Studiren schlechter Dings dahin gerichtet ist / damit ihr dadurch täglich ein gläubiger und frömmer Herz erlanget / so seyd ihr keine warhafftige Studiosi Theolog. dieweil ihr euch nicht von Gott und von seinem Geiste lehren und regieren lasset / sondern was ihr auch für Wissenschafft zusammen häuflet / ist nichts / als ein blosses natürliches Werck / und gleichsam ein Gespenst der Theologie, so euch am Ende nichts hilfft / aber euch wohl zu aufgeblasenen Pharisäern und Schrifftgelehrten machen kan. Wenn ihr lange werdet studiret haben / so werdet ihr denn erst die ersten Buchstaben im Catechismo lernen müssen / (33) was eine wahre Furcht GOttes / was eine rechte Liebe zu Gott j was ein kindliches Vertrauen auf GOtt sey : von welchen allen ihr zwar den äusserlichen Schall gehöret / aber bey allem solchen Studiren noch nie die wahre Krafft davon in eurem Hertzen geschmecket habet. Denn hättet ihr sie geschmecket / O wie würde euch Gottes Wort süsser seyn als Honig und Honigseim! Wie würdet ihr euch so gern zum Bibel-Lesen treiben lassen! Ja ihr würdet euch selbst dazu treiben. Wollet ihr nun euren Sachen wohl rathen / so bedencket doch bey einem ieglichen / was ihr leset / höret und lernet / ob und auf was Weise ihr solches zu eurer eigenen Besserung und Erbauung anwenden könnet. Das wird der nächste Weg seyn zu einer warhafftigen Gottes-Gelahrtheit / (34) sonst muß euch euer Studiren nur beschwerlich und eckelhafft werden / und könnet weder Geschmack noch Safft in eurem Studiren finden; dahingegen / wenn ihrs also anfanget / daß ihr alles gern zu eurer eigenen Besserung anwenden wollet / so wird euch Gottes Wort täglich süsser und lieblicher werden. Gedencket doch an die theuren Worte unsers Heylandes Joh. VII. v. 17. So iemand will den Willen thun des / der mich gesand hat / der wird innen werden / ob diese Lehre von GOtt sey / oder ob ich von mir selbst rede. Sehet / das ist der Weg / daß man etwas recht Göttliches in seinem Studiren erkenne / schmecke und erfahre / so man seinen Halß giebet unter das sanffte Joch Christi / und sein Gemüthe dahin richtet / nicht den Willen seines (35) sündlichen Fleisches / sondern den Willen seines himmlischen Vaters zu thun. Es lieget vor Augen der schöne Tractat von der
10 Johannes Gerson (1363—1429), einflußreicher Theologe, Reformer und Kirchenpolitiker. Das Zitat konnte in dieser Form nicht nachgewiesen werden.
11 Clemens Alexandrinus (f vor 215), Pädagogik I, 1 (GCS 12, 90, 20f.).
12 Vgl. vorl. Ausg., S. 132.