1. Timotheus, 1695
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mit hertzlicher Begierde / dadurch am inwendigen Menschen gestärcket zu werden; in (45) Summa / man hat weder Geschmack noch Freude an GOtt und göttlichen Übungen / weder Lust noch Eiffer zu wachsen in den rechtschaffenen Wesen / und behilfft sich damit / daß man in seinem Hertzen von allem überzeuget ist / mit andern davon redet / und seinen Beyfall giebet. Hat auch wohl ein Ackermann eine gute Erndte zu hoffen / wenn er den Acker nicht bearbeitet? Der Ackermann bringet nicht die Frucht herfür / sondern GOtt; Doch hat es GOtt geordnet / daß der Ackermann arbeite und Fleiß thue. Also kommet das Wachsthum im Christenthumb auch nicht von den Menschen / doch fordert GOtt / daß der Mensch sich üben solle zur Gottseligkeit / und wenn das mit rechtem Ernst geschiehet / so will GOtt den Segen darzu geben.
(46) Timothei fürnehmste Übung war nach der Ermahnung Pauli / daß er vor allen Dingen zuerst thäte / Bitte j Gebet / Fürbitte und Dancksagungfür alle Menschen. Und wie er solches in der Gemeine verrichtete / also hatte er auch acht auf sich selbst / damit er nicht allein diejenigen / die ihn höreten / sondern auch sich selbst seelig machte / 1. Tim. II. v. 1. c. IV. v. 16. Spiegelt euch auch hierinnen / ihr Studiosi Theologiae, und gedencket doch daran / daß euch Lutherus drey Stücke fürgeschrieben hat / welche einen rechten Theologum machen / orationem, meditationem & tentationem. 18 Also stehet nun das Gebet voran. Thut ihr denn auch solches für allen Dingen? Ich sage die Warheit / unter hundert Studiosis (47) Theologiae findet man nicht / oder doch kaum einen / der in einer rechtschaffenen Erkänntnüß stehe / was ein rechtes Gebet sey / zu geschweigen / daß es in beständiger und eiffriger Übung solte geführet werden. Die meisten lassen es bey der gemeinen Leyer / daß sie einen Morgen- und Abend- Segen aus einem Buche mit kaltsinnigen Hertzen lesen / und darnach des Tages über nicht wieder an das Gebet gedencken / es sey denn / daß sie etwa vor und nach Tisch die äusserliche Gewonheit mit halten. Was dencket ihr aber? Heisset das für allen Dingen das Gebet thun? Ist das eine warhafftige Zunahung zu GOtt? Solte man nicht mit heiligem Händen und Hertzen ein so heiliges Studium tractiren? wie wollet ihr denn dermahleins / wenn ihr euch in der (48) Gemeine GOttes zu Lehrern bestellen lasset / als Samuel eure Hände zu dem HErren ausbreiten / für die Seelen / die euch vertrauet sind? wenn ihr also fortfahret / so ist euer gantzes Studium Theolo- gicum nichts / uni als ein Mann der keinen Kopff hat / darum daß ihr gern wollet alles lernen / und doch nicht darum bekümmert seyd / wie ihr recht beten lernet. Mich wunderts dann nicht / wenn krancke oder angefochtene Personen von einem Prediger verlangen / daß er mit ihnen bete / daß sie dann solche leidige Tröster finden / welche selbst keinen guten Schatz in ihrem Hertzen haben / sondern aus dem Buche ihnen etwas fürlesen / es reime sich auf ihren Zustand oder nicht. Das kommet daher / daß man selbst nicht suchet recht beten zu lernen. Sehet doch ja / 49) zu / daß ihr diesen grossen Fehler verbessert. Denn durchs Gebet müsset ihr alles erlangen / auch die Busse. Schämet euch nicht / euch etwa ein Christliches Büchlein zu kauffen / welches euch einige Anleitung gebe / wie ihr recht beten sollet; dazu ich euch das wohl- bekante Paradieß-Gärtlein Johan. Arnds bestens recommendire. Leset aber darinnen die Vorrede für allen Dingen fleißig / und erweget sie in eurem Hertzen / damit ihr zuvor recht erkennen möget / was ein recht Christliches Gebet sey; wie man sich darinne üben; und wie man darinne wachsen und zunehmen müsse; und wie ihr also auch solches Büchlein recht nützlich gebrauchen / und selbst dadurch zum warhaff-
18 Vgl. Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe seiner deutschen Schriften 1539 (WA 50, 658 f.).