2. Idea Studiosi Theologiae, 1712

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§ 2 .

Und wenn gleich ein jeglicher noch nicht in dem Seelen-Zustande sich befindet / da man von ihm sagen möge / er habe bereits tief gegraben und seinen Grund auf einen Felsen geleget* so wird (2) doch an ihm gesuchet / daß er wenigstens unter denen in der Wahrheit erfunden werde / die GOtt mit aufrichtigem Hertzen suchen / und in Christo tief gewurtzelt / erbauet und befestiget* zuwerden / ernstlich und eyferig trachten.

§.3.

Es sey aber einer in seinem Christenthum so weit kommen / als er immer wolle / so hat er dennoch (ist er anders rechtschalfen / und wachet über seine Seele) nicht gefallen an ihm selber**. Denn er trauet seinem betrüglichen Hertzen nimmer*** sondern beleuchtet dessen Winckel täglich mit dem Worte GOttes / und durchsuchet es mit Fleiß;**** dabey GOtt um den Geist der Wahrheit (3) innigst anruffend/da­mit er von allem auch subtilen Selbst-Betrug frey werde / und zwar je mehr und mehr ein rechtschaffen Wesen an ihm hervor leuchte / er aber immer geringer von sich selbst halte.

§. 4.

Keiner / der die rechte Beschaffenheit des wahren Christenthums erkennet / setzet sein Christenthum ins Wissen / sentiren und schwätzen / noch in hohen Speculatio- nen / die seine und anderer Fassung übersteigen / und in Erkänntniß subtiler und verborgener Wahrheiten / noch weniger in mancherley seltsamen Meynungen; am allerwenigsten im Schelten auf Babel / 1 Beurtheilung anderer Menschen / und Splitter- Richten 2 I als welches ein jeder leicht thun oder gar bald lernen kan / dessen Hertz doch selbst noch ein rechtes Babel ist / und der noch selbst den Balcken nicht aus seinem Auge gezogen hat. (4) Sondern darin bestehet das wahre Christenthum / und darin wird es demnach auch von einem verständigen Studioso Theologiae gesetzet / daß einer den HErrn JEsum für seinen einigen Heyland und HErrn erkenne / Ihm mit ungefärbtem Glauben anhange / in seinem Leiden / Sterben / und Auferstehung aus den Todten die ewige Erlösung / Vergebung der Sünden / Gerechtigkeit / Leben und Seligkeit suche / und sich deßwegen mit Ihm durch den Glauben immer fester vereinige / und verbinde / in dessen heilsamen Worten bleibe / sich als seinen treuen Jünger be­weise; Ja daß er selbst (JEsus Christus) in ihm lebe / und er in und durch denselben Gotte lebe / Ihm dergestalt in treuer Liebe / und hertzlichem Gehorsam nachfolge / und* wandele / wie er gewandelt hat / und geduldig leide / was GOtt (5) ihm auf leget j wie ihm Christus ein Fürbild gelassen hat.

§ ' 5 '

Wie das Wort Gottes / so in der Heil. Schrift verfasset ist / der einige bewährte Grund aller wahren Erkänntniß von GOtt und seinem geoflfenbarten Willen ist / also hat insonderheit ein rechtgearteter Studiosus Theologiae zu demselben eine hertz-

5.1 *Luc.6,48. Matth. 7,24.25.

5.2 *Col.2,7. Eph.3,17. **Röm.l5,l. ***Jer. 17,9.10. ****Ps. 139,23.24.

S.4 *1. Joh. 2,6.

1 Die Gleichsetzung der gegenwärtigen Kirche mit Babel ist für die spiritualistische Kirchen­kritik kennzeichnend (vgl. Offb. 14,8 u. ö.).

2 Vgl. Matth. 7,3 ff.