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IV. Schriften zum Studium der Theologie

verderbte Natur geneigter ist / folglich sich auch leichter dazu bringen lasset / als dem demüthigen und (30) sanftmüthigen Hertzen des Lammes Gottes nachzuarten) noch sich gar von der äusserlichen Gemeinschaft der Kirche / um der unleugbaren Verderbniß willen des grossen Hauffens / eigenthätiger Weise zu trennen. Denn / da noch die reine Lehre bey derselben übrig ist / und gehöret werden kan /* auch der (31) HErr in derselben nicht allein seinen heiligen Saamen und nicht wenig (32) wahre Glieder des Leibes CHristi hat / sondern auch noch immer die verlornen (33) Schafe suchet / und an den Seelen in grosser Gedult / und nicht ohne Segen 1(34) arbeitet / und manche kundbarlich / mehrere aber ohne Zweifel verborgentlich / (35) errettet; und also zeiget / daß er noch darunter wohnet und wandelt; So ist (36) offenbar / daß solche eigenthätige Absonderung dem Wege und Willen (37) GOttes zu wider ist / und diesen schädlichen effect bey sich hat / daß der Mensch (38) durch die Absonderung zu weiterer und unendlicher Trennung Anlaß giebet / (39) und dem Segen des Worts / der durch Zusammen-Fassung / nicht aber durch (40) Theilung der Gemüther / wachset und zunimmet / eine Hinderniß / mithin (41) wahren Knechten GOttes / die das Siegel ihrer Göttlichen Sendung in solcher Gemeine an vielen Seelen erlanget / einen Vorwurff so wol bey den Schwachen / als bey der Welt machet; worinn man aber weder Christum / noch seine Apostel / noch die ersten Christen / zu Vorgängern gehabt / als welche sich wol ausstossen / und unschuldig in den Bann thun lassen / aber nie selbst zur Trennung von der äusserli/ 42) chen / ob wol verderbten / Gemeine / von welcher der HErr selbst damals noch nicht gäntzlich gewichen / den Anfang gemachet / noch diese des Schatzes / so ihnen GOtt zur Besserung und nicht zur Ver- derbung der verlornen Schaffe anvertrauet / beraubet / noch auch andern sich von solcher Gemeine selbst zu sondern angerathen haben.

(43) §. 22.

Sein Gemüth ist beugsam und nachgebend in allem j worinn er mit gutem Gewissen nachgeben kan / hingegen auch freudig / getrost und unerschrocken / wo er GOtt

S. 30 *Es hat unter dem Nahmen Christiani Aletophili SS. Theol. Stud. der vormalige General-Superintendens inLiefland / und in seinen letzten Jahren gewesene Probst zum Closter der L. Frauen in Magdeburg und General-Superintendens des Hertzogthums Magdeburg / D. Johann Fischer / 5 vor mehreren Jahren ein Send-Schreiben eines der sich Christianum Conscien- tiosum genennet / und die Frage öffentlich vorgeleget: Ob er in der Lutherischen Religion könne selig werden; sehr gründlich und wohl beantwortet... 6 (42) Wann nun dieses unleugbar die Lehre ist / so in der Evangelischen / und nicht in fleischlich sectirischem Sinn / sondern bloß zum Unterscheid von anderer ihren Glaubens Bekenntnissen / Lutherisch genannten Kirchen bekennet wird / so wird ein jeder / der weiß und von Hertzen glaubet / was die H. Schrifft lehret / und unpartheyisch urtheilen wil / bekennen müssen / daß einer / der diese Lehre glaubet / bekennet / und in der That erweiset / selig werden könne; folglich / daß er keine Ursache habe / noch seine scrupel, die er vielleicht an einem und dem andern (43) nicht fundamental-puncte haben möchte / von der Wichtigkeit seyn / sich von derselben gantzen Gemeine j die solch Bekentniß / und über dieses manch klares und reales Zeugniß / daß GOtt unter ihr wohnet und wandelt /noch hat / gleich als von einer apostatischen Gemeine abzuson­dern und zu trennen: wie in angezogenem scripto solches auch mit mehrern demonstriret wird.

5 Zu J. Fischer vgl. vorl. Ausg., S. 61.

6 Der Titel der pseudonym erschienenen Schrift lautet:Christiani Conscientiosi Sendschrei­ben, darin er fraget, ob er in der Lutherischen Religion könne selig werden, beantwortet von Christiano Alethophilo, theol. stud., o. O. 1682 2 (1. Auflage um 1670). Es folgt in der An­merkung ein Überblick über die Ausgaben der Schrift und ein Auszug aus ihrem Inhalt (Idea, 30-41).