2. Idea Studiosi Theologiae, 1712

181

mehr gehorchen muß / als den Menschen;* Wann man nemlich von ilim fordert / was gegen GOtt und sein Wort ist. Denn er ist so gesinnet / daß er ihm lieber sein Leben nehmen Hesse / als mit Wissen und (44) Willen etwas tbäte / dadurch er GOtt beleidigen und sein Gewissen beschweren möchte. Jedoch trachtet er auch in solchem Fall alle Sanftmuth / Lindigkeit / Bescheidenheit und Demuth / als ein wahrer Jünger Christi / gegen diejenige / so ihnen die Herrschaft über sein Gewissen an- massen / zu beweisen.

§. 23.

Sonst erinnert er sich öfters des Worts des weisen Salomons:* Verlasse dich nicht auf deinen Verstand / wie auch dessen:** dem Narren gefället seine Weise wohl / aber wer Rath gehorchet / der ist weise. Sonderlich aber ist er eingedenck der Ermahnung des Apostels:*** gehorchet euren Lehrern und folget ihnen. Und glaubet gewiß / daß er nimmer andern recht vorstehen werde / (45) wenn er nicht selbst Gehorsam ge- lernet / sondern / wie viele thun / bey aller Erkänntniß der Wahrheit / wo nicht gröblich / doch heimlicher und subtiler Weise immer gesuchet seinen eigenen Willen auszuüben / und mehr nach seinem Dünckel / als nach seiner Vorgesetzten Rath gelebet. Womit er doch keinesweges in einen blinden Gehorsam gehet / sondern er prüfet den empfangenen Rath unter hertzlichem Gebeth nach Gottes Wort und mit Demuth / und so er etwan einen Zweifel daran hat / eröffnet er denselben / und wann er sich überzeuget findet / daß / was ihm gesaget worden / nicht gegen GOttes Wort sey / so folget er alsdann viel lieber dem Rath treuer Lehrer / als seinem eigenen Düncken und Gutbefinden / so er gleich hiermit / seiner Meynung nach / auch nicht directe gegen GOtt sündigte / ja sein selbst erwählter Weg ihm besser gefiele / als der ihm gegebene Rath.

(46) §. 24.

Er ist gegen niemand unfreundlich / störrig / herrschhaftig / verdrießlich / mür­risch und sauer / sondern vielmehr freundlich und holdselig (jedoch ohne eiteles und allen vernünftigen Leuten beschwerliches complimentiren); fället nicht andern un- bescheidentlich ins Wort / sondern läst andere ausreden; wenn er siehet / daß andere allein etwas miteinander reden / menget er sich nicht drein / sondern hält sich be- scheidentlich zurück; und wo es sonst die Gelegenheit giebet / zeiget sich sein sitti- ges / bescheidenes und freundliches Gemüth gegen den Nächsten. Seine Freundfich- keit aber kommet bey ihm / als eine Frucht des Geistes* aus einem aufrichtigen / demüthigen und Hebreichen mit GOtt vereinigten Hertzen: wie es einem wahrhafti­gen Jünger Christi geziemet / daß er solche (47) Früchte des Geistes / zum Lobe Gottes und des Nächsten Besserung / trage / und damit / als ein guter Baum / gleichsam geschmücket sey.

§. 25.

Er lässet im Umgänge mit seinem Nächsten keine unzeitige Bekehrsucht bey sich herrschen / sondern trachtet die Kraft / so ihm GOtt geschencket / desto eiferiger zu seiner eigenen gründlichen Besserung anzuwenden; das Vertrauen zu GOtt habend / er werde ihn schon nach seinem Wohlgefallen zu seinem Werckzeuge an andern brauchen / so er ihn beqvem dazu finde / daß er demnach ihm darin nicht mit seiner natürlichen Hitze vorgreiffen dürffe.

5.43 *Apost. Gesch.4/19.

5.44 *Sprüchw. Sal.3/6. **c. 12/15. ***Ebr. 13/17.

S.46 *Gal. 5/22. Tit.3/2-4.

13 Peschke, Prancke-Werke