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IV. Schriften zum Studium der Theologie
§• 26.
In seinem studiren hat er nicht so wol den Zweck / daß er wolle hochgelehrt werden (immassen solches Verlangen aus einer hen(48) sehenden Eigen-Liebe und Ehrsucht herkommen könte) / als daß er so viel lernen möge / als ihm GOTT nöthig und nützlich zu seyn erkennet / ihn nach seinem Willen zu einem Werck-Zeug zur Verherrlichung seines Nahmens / und zu anderer Menschen Heyl und Nutzen / zu gebrauchen / und als ihm GOtt Fähigkeit gegeben / und Mittel und Gelegenheit dazu verleihen möchte.
§. 27.
Was den methodum seines studirens und zwar (1) insgemein betrifft / sind es vor- nemlich folgende Stücke / die er disfalls beobachtet: Es wird voraus gesetzet / daß er / wie in allen seinen Wegen / also auch insonderheit in seinem studiren / GOtt um die Regierung seines Geistes / und um seine Gnade und Segen brünstig und unermüdet anruffe. Hiernächst consuliret er seine Vorgesetzte Lehrer / wie er von Zeit zu Zeit seine Studia (49) weißlich / nach Beschaffenheit seines Zwecks und seiner Umstände einrichten solle / damit er nicht des Weges / den er noch nie gegangen / verfehle / so ihn niemand / der dessen kundig / leitete.
So dann theilet er seine Zeit und Stunden fein ordentlich ein / damit er nicht herumfladdere / und bald diß / bald das vornehme / noch etwas zur Unrechten Zeit thue / sondern daß die beständige gute Ordnung selbst sein Zunehmen in guter und nützlicher Wissenschaft befördere.
Bey solcher disponirung seiner Zeit siehet er sich wohl vor / daß er nicht der Übung des Gebets noch allem übrigen / so zu seiner Erweckung und Erbauung in GOtt dienen mag (nemlich dem Lesen / Hören und Betrachten des Wortes GOttes / der Prüfung des Hertzens nach demselben u. s. w.) zu wenig Zeit destinire; wie diejenige thun / welche allerley Ausflüchte suchen / daß sie nur nicht auf die Übung des Ge- (50 )bets und andere heylsame Erweckung so viel Zeit wenden / als ihr Zustand wohl erfordert / z. E. bald vorschützen / der Sonntag sey dazu gewidmet / bald sagen / man müsse immer beten / oder stets mit dem Gemüth zu GOtt gerichtet seyn; da sie es doch nicht thun. etc. Wer aber in der rechten Ordnung bleibet / erinnert sich / daß er das eine thun und das andere nicht lassen solle. Die Stunden aber / so er hiezu gesetzet / trachtet er dann auch treulichst dazu anzuwenden / um in solcher Zeit durchs Gebet in einen so seligen inwendigen Zustand einzudringen / daß er sich in einem recht aufgeweckten und wohl geordneten Gemüth befinde / wenn er an die studia, als seine ordentliche Berufs-Arbeit / gehet / und auch sich in solcher innern Beschaffenheit / so lange er denselben oblieget / und wenn er die Bücher wieder wegleget / wie auch sonst allezeit / er sey alleine / oder unter den Leuten / bewahren möge. Was (51) am aller nothwendigsten ist / das tractiret er immer zu erst; wenn er denn das zum Ende gebracht hat / so fraget er seine Praeceptores um Rath / was ihm nun am allernöthigsten zu tractiren sey; und dergestalt geschiehet es / daß er in seinem studiren ein gutes fundament leget / und daß er eine recht solide und brauchbare Wissenschafft erlanget; da etwa andere sich auf einige ornamenta studiorum legen / und wegen Versäumung der maxime necessariorum zu keiner wahren Solidität gelangen.
Er hütet sich / daß er nicht auf einmal zu viel und zu mancherley Dinge vornehme / aufdaß er das Gemüth nicht confundire und überhäufe / und die Gesundheit nicht ruinire; und daß er auch nicht zu wenig ihm zu thun mache / damit das Gemüth nicht daher zu allerley Ausschweiffungen Gelegenheit nehme.