2. Idea Studiosi Theologiae, 1712
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Er ist nicht träge in dem / was (52) er thun soll* / sondern thut alles frisch / was ihm zu thun vor handen kommt** nemlich so fern es seines Berufs ist /*** und es die Zeit und andere Umstände in gehöriger Ordnung erfordern oder leiden.
Er eilet aber auch nicht zu sehr und allzu hitzig zur Gelehrsamkeit / weil das allzu hitzige treiben und eilen**** in allen Dingen mehr Hinderung als Förderung giebet / und sonderlich die nXeovs^ia im studiren / oder die unmäßige Begierde viel zu lernen / das Reich GOttes in der Seele nicht zur Krafft kommen lässet. Er erkennet V 1 demnach zwar die Wissenschaft an sich selbst / und zwar die / so durch ordentlichen Fleiß erlanget wird / für eine gute und nützliche Gabe Gottes / siehet auch wol / daß der Satan durch die Unwissenheit der Menschen seinen Pallast eben so (53) wol und noch besser bewahret / als durch den Mißbrauch des Wissens / er bedencket aber dabey / daß das Reich GOttes nicht in Worten (und Wissen) sondern in der Kraft >■'* bestehe.* Denn es ist Gerechtigkeit j Friede und Freude im H. Geist;** Um deswillen schätzet er ein Qventlein des lebendigen Glaubens höher / als einen Centner des blossen historischen Wissens / und ein Tröpflein wahrer Liebe edler / als ein gantzes Meer der Wissenschaft aller Geheimnisse***. Oratio, Meditatio, Tentatio, Gebet / Betrachtung oder Fleiß des Gemüths in ernstlichem forschen und erwegen der göttlichen Wahrheit / und Anfechtung bringen ihn nach und nach und mit den Jahren dahin / daß er dem HErrn als ein treuer Knecht in seinem Hause zu dienen tüchtig erfunden werde: wie es denn keine (54) so geringe und leichte Sache / sondern (nach CHristi eigenem Ausspruch*) ein groß Ding um einen treuen und klugen Haushalter GOttes ist.
Was er lernet / suchet er gründlich und gewiß zu lernen / damit / wenn er gleich nur eine mittelmäßige Wissenschafft und Geschicklichkeit erlanget / er doch andern damit recht dienen könne.
Auch würde er es ihm zwar für eine Schande achten / so er aus Unverstand oder Nachläßigkeit etwas gutes versäumen wolte zu lernen / oder etwas zu observiren / so ihm doch zu seinem künftigen Gebrauch nützlich seyn könte; Hingegen aber siehet er auch wol / wenn er das gleichsam alles auf einmal lernen und observiren wolte / was ihm einmal einigen Nutzen geben möchte / er in keiner Sache zur rechten Vestigkeit gelangen / und absonderlich das Reich GOttes / welches doch immer das ei(55)nige Haupt-Nothwendige bleibet / in seiner Seele gäntzlich verhindern würde.
Er siehet ferner wohl zu / daß er sich selbst recht und nach der Wahrheit messen* / d. i. genau prüfen und forschen möge / wozu er Gaben von GOtt in der Natur und in der Gnade empfangen habe; damit er weder an einer Seiten nach Dingen strebe / die ihm zu schwer sind / noch an der andern Seiten sein empfangenes Pfund als ein fauler Knecht im Schweißtuch behalte.** Hierinn trauet er aber nicht seinem eigenen Urtheil allein / und hält lieber zu gering als zu hoch von sich; höret aber / was verständige Leute / die es redlich mit ihm meynen / von seiner capacität halten / damit er nicht durch Eigen-Liebe / die disfalls vielen pfleget im Wege zu stehen / be- (56) thöret werde. Er ist dann gerne zu frieden / wenn er nur im geringsten mag treu erfunden werde.* So es ihm aber vorkommet / oder andere / die davon urtheilen können / ihm zeigen / daß er wohl vor andern dieses oder jenes zu praes tiren fähig sey / so demüthiget ihn solches desto mehr vor GOtt; dieweil er weiß / daß Gott auch desto schwerere Rechenschaft von ihm fordern werde. Daher er es für eine große Blindheit
S. 52 *Röm. 12/11. **Sprachw. Sal.9/10. ***1. Pet.4/15. ****Pred. Sal. 20/21.
S.53*l. Cor.4/20. **Röm.l4/17. S.53 ***1. Cor. 13.
S. 54 *Luc. 12/42.
S.55*taoTÖv iv tarnt5 /ietqeJv. 2. Cor. 10/12. **Luc.19/20.
S. 56 *Luc. 16,10. c. 19,17.