2. Idea Studiosi Theologiae, 1712
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stände der Kirchen (den jedoch einer / so derselben bestes redlich suchet / in seinen studiis stets vor Augen haben muß) manchem eine Hinderung in vielen Stücken und bey vielfältiger Gelegenheit geben kan; und weil auch ein verständiges Gemüth / so einen vernünftigen Vortrag von der (81) natürlichen Wahrheit der instrumental- und moral-Philosophie / wovon hier eigentlich die Rede ist / gehöret hat / verschiedenen guten Nutzen daraus so wol für sich als für andere herzunehmen wissen wird / wovon hier nicht weitläufftiger zu handeln ist.
Und wenn also das / so bisher erinnert worden / voraus gesetzet wird / so werden denn auch ferner die controversiae Theologicae mit gutem Nutzen von ihm trac- tiret: wozu sonderlich eine viva manuductio erfordert wird / nicht nur den statum quaestionis und so wol das tiq(7)tov ipevdog errantium als ngdjrrjv ähjdeiav recte sentientium, wie auch die genuinos fontes argumentorum, 17 womit ihnen zu begegnen / mit der leichtesten Mühe zu lernen; sondern auch alle und jede errores aus dem grossen Verderben / so in dem Menschen stecket / zu demonstriren / die Tieffen des Satans dabey zu entdecken / und (82) das Studium polemicum auf eine GOtt wohlgefällige und practische Art zu tractiren / und künftig zu gebrauchen.
Dahin gehöret denn auch insonderheit das Studium Historiae Ecclesiasticae, als welches seinen Nutzen im gantzen Studio Theol. ausbreitet / und zwar vornemlich ad accuratiorem Exegesin Scripturae in primis Propheticae* 18 erfordert wird / nechst dem aber im Studio controversiarum am wenigsten entrathen werden kan; wie solches unter andern aus Chemnitii Examine Concilii Tridentini 19 erkant werden mag.
Wenn er dergestalt einen soliden Grund in der Erkäntniß der göttlichen Wahrheit geleget / inzwischen auch zu guter Übung und Erfahrung in den Wegen GOttes kom- (83) men ist / so richtet er auch dahin sein Gemüth näher / wie er geschickt werden möge / des guten Schatzes / so GOtt in seine Seele geleget / auch andere durch öffentlichen Vortrag theilhafftig zu machen. Zwar weiß er nunmehro nicht allein / was er andere lehren soll / sondern ist auch in erbaulichen Gesprächen / und privat- Ubungen* wohl zubereitet / das Wort GOttes auch öffentlich zu verkündigen / so ist auch keines weges sein Zweck / hohe Worte und menschliche Künste im predigen zu gebrauchen / als wodurch er nur das Creutz Christi zu nickte machen würde.** Inzwischen erkennet er doch / und bescheidet sich dessen gerne / daß ihm zu ordentlicher und auch denen einfältigen und ungelehrten faßlicher und erbaulicher Einrichtung einer öffentlichen Rede / absonderlich aber zu rechter (84) Theilung des
S. 82 *S. Hypotyposin Historiae & Chronologiae S. & typum doctrinaePropheticae Campegii Vitringae. Franequ. 1708. 20
S. 83 *Dahin gehöret methodus Exercitationum Biblicarum. 21 **1. Cor. 1/17.
17 „nicht nur den Stand der Erörterung und sowohl den Grundirrtum der Irrenden als die Grundwahrheit der richtig Denkenden, wie auch die echten Quellen der Argumente“.
18 „Zur sorgfältigeren Auslegung der Schrift, insbesondere der Propheten“.
18 Martin Chemnitz (1522—1586), seit 1567 Superintendent in Braunschweig, einer der bedeutendsten nachlutherischen Theologen, hat an der Abfassung der Konkordienformel mitgewirkt. In seinem Examen Concilii Tridentini (1565—1573, vgl. Ausg. Frankfurt a. M. 1578) hat er in kritischer Darstellung der Beschlüsse des Trienter Konzils vor allem das protestantische Schriftprinzip klar herausgearbeitet.
20 Zu Vitringa vgl. vorl. Ausg., S. 185. Seine Schrift Hypotyposis historiae et chronologiae sacrae erschien erstmalig 1698 in St. Leeuwarden, 1708 in erweiterter Form unter Beigabe des Typus doctrinae propheticae in Franeker.
21 A. H. Francke, Methodus exercitationum Biblicarum, Halle 1706.