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IV. Schriften zum Studium der Theologie

nicht ungern / wenn er diese Gefahr erweget / mit einem Amt verschonet sehen / und weil es GOtt anders gefallen möchte / hält er es für genug / wenn er sich befleißiget / dem HErrn zu seinem (114) und des Nechsten Dienst brauchbar zu werden / und dann bereit ist / sich / so weit ihn GOtt tüchtig gemachet / zu des Nechsten Nutz gebrauchen zu lassen. Da er also noch gleichsam am Ufer stehet / beurtheilet er nicht vermessentlich andere Knechte GOttes j die auf dem Schiffe sind / weil sie das Ruder nicht in allen Stücken so führen / wies ihm gut düncket; Er fürchtet nicht unbillig / es möge ihm auch so gehen / wie dem Augustino, der erst fein andere zu tadeln wüste / und darnach / da ihm selbst das Ruder in die Hände gegeben war / sich gantz untüchtig fand / dasselbe zu führen / wie er sich selbst deswegen gar nachdencklich anklaget.* Es stehet ihm vor (115) Augen / was für schwere Gerichte Gottes über die Welt ergehen / und (116) wie dieselbe scheinen immer schwerer zu werden. Er be­jammert / daß (117) weder im Regier-Stande noch im Hauß-Stande dieselben zu Hertzen (118) genommen werden / daß man etwa in sich schlüge / und sich von seinem ruchlosen / eitelen und üppigen Wesen / und vom äusserlichen vergeblichen Maul- und Kirchen-Dienst zu einer wahren Hertzens-Aenderung und Besserung wendete. Am allermeisten aber kräncket ihn / daß diejenige / welche das Saltz (119) der Erden und das Licht der Welt* seyn solten / nicht nur grossen theils sich selbst wenig an solche göttliche Gerichte kehren / noch sich dadurch bewegen lassen / ihrer eigenen und der anvertraueten Seelen besser j als geschehen / wahrzunehmen / son­dern auch andern / die auf eine wahre Bekehrung und rechtschaffene Früchte der Busse mit reiner Lehr und gutem Exempel dringen / sich widersetzen / dieselbe auf unverant­wortliche Weise verunglimpffen / ja gar verketzern und verwerffen / so / daß wahr- hafftige Knechte GOttes von denen / die sich Diener CHristi nennen / und doch ihrem Bauche dienen / die Frömmigkeit loben / die Frommen aber lästern und schmähen / den grösten Widerstand finden. Dabey wird er aber auch je mehr und mehr dieses gewahr / welchen Versuchungen auch selbst diejenigen unterworffen sind / die einmal angefangen den Weg der Ge/ 120) rechtigkeit zu erkennen und zu betreten. Da / da lehret ihn die Erfahrung erst recht / was es heisse / daß* ivir nicht mit Fleisch und Blut zu kämpffen haben / sondern mit Fürsten und Gewaltigen / nemlich j mit den Herren der Welt / die in der Finsterniß dieser Welt herrschen / mit den bösen Geistern (oder geistlichen Kräfften der Boßheit) / und was dazu gehöre / nach Pauli Ermah­nung / den Harnisch Gottes zu ergreiffen / Widerstand zu thun / alles wohl auszurich­ten / und das Feld zu behalten /** und / nach dem Worte Christi / biß ans Ende zu beharren / und also selig zu werden.*** Seine Seele entsetzet sich / wenn bald diese bald jene den Versuchungen des Satans unterliegen / am Glauben Schiffbruch lei­den /**** und durch ihre Fäl( 121) le / ob sie sich auch gleich selbst wieder aufraffen / groß Aergerniß anrichten. Je mehr er auch selbst zu einem gesetzten Wesen gelan­get / je mehr wird ihm offenbar / wie sehr man sich selbst durch praecipitantes / hitziges und unweißliches Verfahren im guten hindern könne / und je mehr siehet er / wie manche / sonderlich im Anfänge ihrer Bekehrung / um des Guten willen eyfern /

S. 114 * Augustinus Valerio Episcopo suo Ep. 148. . , 29

S. 119 *Matth. 5,13.14.

S. 120 *Eph.6/12.13. **Eph.6/13. ***Matth. 24/13. ****1. Tim.1/19.

29 Augustin wurde 391 von Valerius, dem Bischof von Hippo Regius, zum Priester geweiht, 395 wurde er dessen Nachfolger im Bischofsamt. Der Brief ist nach der Priesterweihe Augu­stins geschrieben (vgl. MSL 33,88). Es folgt ein lateinisches Zitat mit Übersetzung (Idea, 114-118).