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IV. Schriften zum Studium der Theologie

Neid und Verfolgung gegen die Wahrheit und gegen alles Gute erregen. Denn so lehret auch Christus / daß derselbige ist (126) ein Mörder von Anfang / und ist nicht be­standen in der Wahrheit: denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lügen redet / so redet er von seinem eigen / denn er ist ein Lügener und ein Vater derselbigen.* Dieses sein Haupt-Werck gebrauchet der Satan als ein Stratagema, um dadurch sonderlich zwiefältigen Vortheil zu gewinnen. Denn erstlich suchet er mit vielen Lügen und Verläumdungen / so er auf die Bahn bringet / die Gemüther der unwissen­den vornemlich aber derer / so die Liebe zur Wahrheit nicht haben angenommen /** zu erfüllen und einzunehmen / damit sie ja der Wahrheit nimmer gehorchen mögen / noch des Guten / so ihnen angeboten wird / begehren / ja für der Menge der Läste­rungen / damit es überdecket ist / es gar nicht für etwas (127) Gutes erkennen / son­dern vielmehr meynen sollen / überflüßig befugt zu seyn / warum sie es für nichts achten* / und den grösten Eckel und Abscheu davor gleich als vor einem Aussätzigen haben möchten. Gelinget es dem Satan so weit / so hat er Grund genug geleget zu Bosheit / Neid /und mördlichem Haß gegen die / so das Gute lieben: wiewol dennoch wider seinen Willen und Danck endlich seine Lügen und Verläumdungen selbst zu desto mehrer Bekräfftigung der Wahrheit dienen müssen.** Zum andern suchet er auch durch seine Lügen und Verläumdungen diejenigen / so nunmehro Wahrheit und Lügen wohl von einander zu unterscheiden wissen / die Liebe zur Wahrheit angenommen / und sich auf den Weg einer wahren und gründlichen (128) Bekehrung begeben haben / irre zu machen / zu übertäuben / von ihrem guten Vorsatz abzu­schrecken / und es dahin zu bringen / daß sie nur sich der Welt in allem gleich stellen sollen / ob sie gleich im Hertzen die Wahrheit erkennen / damit sie nur nicht mit dem Creutze Christi verfolget werden.* Diß mercket nun ein verständiger Studiosus Theo- logiae wohl / und weil er aus Gottes Wort zur Gnüge unterrichtet ist / daß es der Satan von Anfang her nicht anders gemachet / so lässet er sich durch Geschwätz der Menschen und allerley Lügen und Verläumdungen weder gegen das Gute einnehmen (denn er prüfet alles nach GOttes Wort / unter hertzlichem Gebet zu GOtt / damit er das / nach dieser Richtschnur befundene / Gute behalte**) noch von dem / so er in der Wahrheit für gut erkennet / abschrecken und zu einiger Verleugnung des (129) Guten oder zur Heucheley bewegen. Er folget vielmehr dem Rath des Weisen*: Thue von dir den verkehrten Mund / und laß das Laster-Maul fern von dir seyn. Laß deine Augen stracks für sich sehen / und deine Augen-Lieder richtig für dir hin sehen. Laß deinen Fuß gleich für sich gehen / so gehest du gewiß. Wancke iveder zur rechten noch zur lin- cken / wende deinen Fuß vom Bösen.

§. 45.

Er muß aber bald ein ander Stratagema des Satans mercken und erfahren / daß / wenn es demselben nicht gelingen will / einen Menschen durch seine Lügen und Lästerungen gegen das Gute einzunehmen / oder ihn davon abwendig zu machen / er

S. 126*Job.8/44. **2. Thess.2/10.

S. 127 *Jes.53/3. **Vid. Veritas Christianae religionis Phüosophorum Gentilium obtrec- tationibus confirmata, Praeside Domino D. Buddeo habita Jenae, 1711. 30 S. 128 *Gal.6/12. **1. Thess.5/21.

S. 129 *Sprüch. Sal.4/24-27.

30 Johann Franz Buddeus (16671729), 1693 Professor der Philosophie in Halle, seit 1705 Professor der Theologie in Jena, nahm in den theologischen Streitigkeiten eine vermittelnde Stellung ein, stand aber dem Pietismus näher als der Orthodoxie.