2. Idea Studiosi Theologiae, 1712
197
alsdenn in allen Dingen und auf aller fl 30,) ley Art und Weyse denselben suchet von einem extremo auf das andere zu bringen. So machte es dieser arge Feind unverschämter Weyse unserm Haupte selber: Denn da er ihn nicht zum Zweiflfel am Worte GOttes / welches über ihm ausgesprochen war* / daß er der Sohn GOttes sey / bewegen konte / trachtete er darnach / wie er ihn in das andere extremum, nemlich in die Vermessenheit und Versuchung GOttes /** verleiten möchte. Und das ist noch täglich seine praxis bey denen / an welchen er wider seinen Willen und Danck leiden muß / daß sie anheben das Böse zu hassen / und dem Guten anzuhangen.***
Anfänglich unterhält er die Menschen / so lange als er immer kan / im Schlaff der fleischlichen Sicherheit; Wachet aber nichts desto weniger ihr Gewissen endlich auf / daß sie nun sehen wie gräulich sie sich bisher betrogen / und wie ver (131 Jdammlich ihr Zustand gewesen; so weiset er sie bald hin zur Verzweiffelung / es sey nunmehro zu spät / und die Gnaden-Thür sey schon verschlossen.
Erst machte er wol gern alle Menschen in der That zu Atheisten / und kan ers weiter nicht bringen / so stärcket er sie doch aufs beste im epicurischen Wesen / läst ihnen dabey den Trost von GOttes Barmhertzigkeit und CHristi theurem Verdienst wohl schmecken / und sie auf der eiteln Hoffnung / die Seligkeit dermaleins zu erlangen / gleich als auf einem sanflften Küssen ruhen: wills aber nicht länger den Stich halten / sondern die Wahrheit wird dem Gewissen offenbar /* und das Wort der Busse fänget an im Hertzen zu wircken / und das epicurische Wesen samt allem dabey führenden falschen Trost zu verstören; so machte er gern fluchs aus einem Atheisten oder groben Epicurer einen abergläubigen Heuchler / den er endlich gern mit lauter Heilig- thümern beydes (132) in seinen Gedancken und auch äusserlich umgehen liesse / so er nur den Weg zur rechten Hertzens-Bekehrung / zum neuen Wesen des Geistes* und dem wahren evangelischen Geist des Glaubens** nicht finden möchte.
Erst siehet er gern / daß sich der Mensch äusserlich damit tröste / daß CHristus für seine Sünde gestorben sey / und dadurch dieselben gebüsset und bezahlet habe; wenn er nur indessen das Hertz geistlich besitzen / und sein Werck ungestört im Menschen haben darflf. Lernet aber der Mensch / daß Glaube ohne Busse nichts sey / und daß CHristus auch in uns leben müsse / so wir uns anders dessen / daß er für uns gestorben / in göttlicher Ordnung trösten wollen; so sähe er nichts lieber / als daß der Mensch das gantze Evangelium von der Gnade Gottes in Christo JEsu / und von dessen heiligem Verdienst und Gnugthuung für unsere Sünde als einen bloß äusser- lichen u. unnützen Trost ansähe und gar fahren (133) liesse / hingegen aber seine eigene Gerechtigkeit aufzurichten trachtete: als womit er ihn dennoch von dem Haupt-Grunde der Apostolischen Lehre herunter brächte.
Einen Studiosum Theologiae suchet der Satan erst zu seinem Willen in den Lüsten der Jugend gefangen zu halten / leget ihm deswegen nicht nur allerley Gelegenheit zu sündigen vor / sondern machet ihm auch solche Einbildung vom Pfarr-Amt und andern Kirchen Bedienungen / als wenn die zum Mittel eingesetzet wären / zu guten Tagen / Reichthum / und Ehre zu gelangen: wird derselbe aber von des Satans Stricken nüchtern / so daß er nun sein Elend / und hingegen die hohe Würde und schwere Bürde des Predig- Amts wohl erkennet / so fällt er leicht in das andere extremum, und / da es genug seyn möchte / daß er nun nicht mehr Amts süchtig wäre wie zuvor / sondern sich dem Willen Gottes und seiner Führung gelassentlich anbefähle / so setzet er sich auch eigenwilliger Weyse vor / der Kirchen gar seinen Dienst zu ver-
S. 130 *Matth.3/17. **Matth.4/5. seqq. ***Röm.l2/9.
S. 131 *2. Cor.4/2.
S. 132 *Röm. 7/6. **2. Cor. 4/13.
14 Peschke, Francke-Werke