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IV. Schriften zum Studium der Theologie
sagen / und beurtheilet wol dazu diejenigen / welche dißfalls der Führung und Be- ruffung Gottes nicht wiederstrebet haben / sondern sich ein Amt / nicht nach ihrem / sondern nach Gottes Willen / auflegen lassen.
(134) Wiederum fället ein Studiosus Theologiae bald mit gantzer Macht aufs studiren/ daß er das Gebet entweder gar unterlässet / oder doch gantz kaltsinnig und bloß aus einer Gewohnheit verrichtet / weil das gantze Hertz und Gemüth in den Büchern ist: bald aber fällt er auf das andere extremum, wil gar nicht mehr studiren / sondern allein beten; wird dessen dann auch wol müde / und fället wieder / wie zuvor / allzu eyfrig und hitzig aufs studiren; da er doch das eine thun j und das andere nicht lassen / und einem ieden fein seine rechte Zeit / Ordnung und Maaße in gehöriger Bescheidenheit geben solte.
Wenn denn nun ein Studiosus Theologiae mehr und mehr gewahr wird / wie der Satan dieses Stratagema, das menschliche Gemüth immer von einem extremo zum andern zu treiben / so meisterlich und so gar mannichfältig practiciret / und wie der Mensch wegen der natürlichen Unbeständigkeit / sonderlich wenn er eines hitzigen Temperaments ist / selbst dazu incliniret; so bewahret er sich denn auch immer sorgfältiger / daß er sich in den rechten Schrancken / die ihm GOtt in seinem Wort ge- setzet hat / enthalten und gewisse Tritte mit seinen Füssen thun möge.
(135) §. 46.
Bleibet er in solcher wohl regulirten Gemüths-Fassung / so wird er mit friedsamen und ruhigem Geist und zugleich mit Mitleiden gewahr werden / wie der Satan noch ein ander Stratagema bey vielen Menschen gebrauchet / so dem vorigen nicht ungleich ist; nemlich dieses / daß die Gemüther so herum getrieben werden / daß sie selber endlich nicht mehr wissen / was sie haben wollen.
Durch einige Exempel wird es deutlich werden / was die Meynung sey. Erst wird von vielen geklaget / und zwar nicht unbillig / daß es im Obrigkeitlichen- im Lehr- und im Hauß-Stande sehr verderbet sey; und daher gewünschet / daß GOtt fromme Regenten / exemplarische Lehrer / und Christliche Hauß-Väter geben wolle. Thut es GOtt / und erwecket in allen Ständen einige / die so beschaffen sind / wie man sie vorher gewünschet / so sind dieselben wieder nirgends recht / weil sie nicht einem jeden nach seinem Kopff seyn; da man doch GOtt dafür / als für eine grosse Wohl- that / dancken solte / so er nur Leute giebet / die in ihrem Maaß treu erfunfi 36,) den werden; und / wenn man an solchen einige Gebrechen gewahr würde / ein hertzlich Mitleiden mit ihnen haben / und GOtt desto mehr für sie anruffen / dabey auch an das Wort des Thomae Kempisii Lib. I. c. 16. 31 gedencken möchte: Libenter habemus alios perfectos, & tarnen proprios non emendamus defectus. d. i. Wir wollen immer / daß andere Leute ohne Tadel seyn / und bessern doch unsere eigene Fehler nicht, it. Deus sic ordinavit, ut discamus alter alterius onera portare: quia nemo sine defectu, nemo sine onere; nemo sibi sufßciens, nemo sibi satis sapiens: sed oportet nos invicem portare, invicem consolari, pariter adjuvare, instruere admonere. d. i. Gott hats also verordnet / daß einer des andern Last tragen soll: Dieweil niemand ohne Mängel / ohne aufgelegtes Creutz / niemand ihm selbst allein genug thun und helfen kan / auch niemand ihm selbst allein rathen und verständig seyn kan. Darum müssen wir einander dulden / trösten / helfen / ehren u. ermahnen. Es sey aber ferne / daß denen das Wort damit geredet werde / die in ihren Gebrechen nicht erinnert seyn wollen / geschweige
31 Thomas a Kempis (1380—1471), niederdeutscher Mystiker. Die Zitate stammen aus der Schrift De imitatione Christi, Buch I, Kapitel 16.