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2. Idea Studiosi Theologiae, 1712 199
denen / die gar wirckliche Laster für menschliche Gebrechen und Schwachheits- Sünden wollen gehalten wissen.
Auf gleiche Weyse wird erst von vielen darüber geklaget / daß keine Liebe sey / nie(T37,)mand nehme sich der Armen an; es sey nicht genug / daß man GOttes Wort höre und betrachte; man weiß den Spruch Jacobi* zu urgiren: Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott dem Vater ist der / die Waysen und Wittwen in ihrem Trübsal besuchen / (d. i. ihnen beystehen) und sich von der Welt unbefleckt behalten.
Item den Spruch Jesaiä:** Brich dem Hungerigen dein Brodt / und die / so im Elend sind I führe ins Haus. So du einen nacket siehest / so kleide ihn / und entseuch dich nicht von deinem Fleisch. Findet sich denn aber jemand / der dieses thut in einfältigem Hertzen / so ist es wieder denen / die erst drüber geklaget / daß es nicht geschehe / nirgends recht; wissen diß und das dran zu tadeln / da ihnen doch unverwehret wäre was bessers zu machen / und zu versuchen / wie weit sie im menschlichen Leben die Unvollkommenheit und Gebrechen auch von den besten Wercken absondern könten: welches sie nicht gnug wissen können / wenn sie keinen Versuch thun. Andere schreyens für äusserliche Wercke aus / darin man sich nur mit Martha viel zu schaffen machte; 32 uneingedenck daß es Jacobus einen reinen und unbefleckten Gottesdienst nennet / so man sich dabey von (138) der Welt unbefleckt behält / und daß es des HErrn Gebot ist / dem wir nachkommen müssen / so gut ein jeder kan / es sey was äusserliches oder was innerliches: da doch gewiß bey einem Gläubigen die äusser- lichen Wercke aus dem innerlichen guten Grunde fliessen.
So gehet es auch mit der Erziehung der Jugend. Wer klaget nicht darüber / daß es damit so übel stehe? Greiffet aber jemand das Werck getrost an / hilfft den Leuten ihre Kinder erziehen / giebt ihnen nach Vermögen gute Praeceptores, catechisiret / suchet aus der Jugend Leute zu erziehen / die der Kirche und dem gemeinen Wesen nützlich seyn mögen; so ists wieder an keinem Ende recht; daß man in Wahrheit endlich nicht weiß / was sie haben wollen / und fast schliessen muß / sie wissens selber nicht. Denn sie ja nimmer sagen werden / daß es besser sey / daß man die Jugend / wie das Vieh verwildern / als daß man sie in der Zucht und Ermahnung zum HErrn auferziehen lasse. Ach! möchten solche doch erkennen / daß der Satan alles / was nach dem geoffenbareten und klärlich ausgedrückten Willen Gottes Gutes und Nützliches unternommen wird / nur zu dem Ende will verachtet und vernichtet wissen / damit des Guten ja nicht zu viel geschehen / und das / was angefangen / desto eher wieder untergehen / (139) folglich seinem Reich desto weniger Schaden und Abbruch ^ k dadurch widerfahren möge; wie würden sie an statt des ungegründeten Urtheilens Gott preisen / daß er noch einige erwecket / welche die Jugend mit hertzlicher Sorgfalt Christo zuführen.
Ein verständiger und zum Reiche Gottes unterrichteter Studiosus Theologiae A ' kehret sich an widrige Urtheile nicht / die über solche Dinge ergehen / so offenbar gut und heylsam sind: denn er weiß daß also der HErr selbst und dessen Apostel gewolt und gelehret haben / daß die / so an GOtt gläubig sind worden / in einem Stande guter Wercke funden werden. Solches / spricht Paulus* / ist gut und nütz den Menschen. Diesen Fußstapffen und Geboten des HErrn und seiner heiligen Apostel folget er getrost und beständig nach / sonst weder zur rechten noch zur lincken.
S. 137* Jacob. 1/27. **Jes.58/7. S. 139 *Tit.3/8.
32 Vgl. Luk. 10,40.
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