3. De Theologia Mystica, Lectio paraenetica, 1704

Francke hat sich im Collegium paraeneticum nicht an besondere Regeln gebunden. Neben Vorlesungen zur Methode hat er wiederholt an Hand neutestamentlicher Schriften praktische Hinweise für das theologische Studium und die Frömmigkeit gegeben. Im Anschluß an zwei kürzere Vorlesungen über den Titusbrief und den Hebräerbrief (1703) hielt er ein längeres Kolleg über den Römerbrief (17031705). Da diese Vorlesungen den Hauptteil der später veröffentlichten Lectiones paraeneti- cae bilden (Bd. I, II, VVII), ist man häufig zu der Auffassung gekommen, daß das Collegium paraeneticum eine exegetische Vorlesung und typisch für Franckes wissen­schaftliche Exegese gewesen sei. Die vorhandenen Nachschriften zeigen jedoch ein­deutig, daß dieses Urteil nicht zutreffend ist. Es geht in den paränetischen Vorlesun­gen in der Regel um eine praktische Anleitung für das Studium und die Frömmigkeit oder um eine Erörterung spezieller Zeitfragen. Auch die der Bibelerklärung ge­widmeten Vorlesungen dieses Kollegs verfolgen praktische, nicht wissenschaftlich­exegetische Ziele. Es ist bezeichnend, daß sie mehrfach von praktischen Exkursen unterbrochen werden. Ein Beispiel dafür sind die sechs Lektionen De Theologia Mystica, die Francke im Anschluß an die Auslegung der ersten acht Kapitel des Römerbriefes in die Vorlesung eingefügt hat (LP VI, 148306).

Anlaß zu dieser Stellungnahme war die weite Verbreitung mystischer Schriften unter den Studenten. Man hatte in Halle Not, die durch diese Lektüre hervorgerufe­nen Sondermeinungen, die oft überheblicheEinbildung und die Kritiksucht der Studenten abzuwehren (vgl. LP VI, 249253). Der besondere apologetisch-pädago­gische Charakter der sechs Lektionen darf also nicht übersehen werden. Francke hat anderenorts entscheidend zur Verbreitung mystischer Schriften beigetragen, und seine Frömmigkeit ist in weit stärkerem Maße, als hier sichtbar wird, durch mysti­sches Gedankengut bestimmt (vgl. Peschke, Studien I, S.113ff., 133ff., 150f.).

Wir bringen die erste der sechs Vorlesungen über die mystische Theologie zum Abdruck, in der er seine Grundsätze zur Frage der Mystik besonders deutlich aus­gesprochen hat (LP VI, 149175). Sie wurde am 21. August 1704 gehalten (vgl. LP VI, 144, 179).

(148) Die zwantzigste Lectio Paraenetica, über die Epistel an die Römer, worin, wie auch in den fünf folgenden, nach Anleitung der bisher betrachteten Capitel von der Theologia Mystica gehandelt wird.

Die erste Lection de Theologia Mystica.

GEtreuer, ewiger und lebendiger GOtt, du wollest nach deiner unendlichen Gnade und Barm(149)hertzigkeit uns in dieser gegenwärtigen argen Welt den Weg der Wahrheit zu erkennen geben, auf daß wir in derselbigen wandeln, und in der Nachfolge unsers HErrn und Heilandes JEsu Christi zubereitet werden mögen zu Gefässen deiner Gnade und Barmhertzigkeit, zu deinem Dienst und zum Nutz unsers Nächsten. Das verleihe um deiner unendlichen Gnade willen, Amen.