3. De Theologia Mystica, 1704

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ES sind über das 8te Capitel der Epistel an die Römer schon zwo lectiones gehalten worden. Wobey es denn für dieses mal sein Bewenden haben mag. Dieweil aber mit diesem Capitel die Haupt-Sache, so in der gantzen Epistel tractiret wird, sich endiget, da der Apostel bis anhero den Haupt-Inhalt der gantzen göttlichen Oeconomie ge­lehret, und gezeiget hat, welches das Elend und tiefe Verderben sey, darin die Men­schen durch den Fall Adams gerathen, und in welchem sie alle liegen, so lange sie ausser der Gemeinschaft Christi und seines Geistes sind; ferner, wie der Mensch aus Gnaden durch Christum die Vergebung seiner Sünden empfahe, und ihm die Gerech­tigkeit zugerechnet werde durch den Glauben an ihn; und endlich, wie auch die Heiligung oder die Früchte der Ge(150) rechtigkeit aus diesem guten Grunde der Gnade des neuen Testaments hervorgebracht werden: so ist die Absicht, nunmehr alle diese acht Capitel der Epistel an die Römer noch einmal wieder vorzunehmen, nicht zwar dergestalt, daß wir eine ävanecpakalmaiv, oder Wiederholung dessen, was schon gesagt ist, anstellen wolten; sondern auf solche Art, daß wir nach Anleitung dessen, was in den vorigen Lectionen schon vorgetragen worden, und nunmehro praesupponiret werden kan, in einigen Stunden eine Anweisung geben wollen von der Theologia Mystica, siue de praxi Christianismi interioris, eoque ex fundamentis & principiis Euangelicis intra limites, ab Apostolis Jesu Christi constitutos, sobrie & recte colendo, d. i. von der Mystischen Theologie, oder, welches einerley ist, von der innern Übung des Christenthums, und zwar, wie dasselbe aus dem Evangelischen Grunde, und in den von den Aposteln des HErrn angewiesenen Schrancken, recht und auf gehörige Masse zu führen sey. Ich achte um vieler Ursachen willen, die ietzt beliebter Kürtze wegen nicht können angeführet werden, für nöthig, daß diese Materie abgehandelt werde, und möchte sich kaum eine bessere Gelegenheit dazu finden, als eben diese, da uns der rechte Grund der Theologiae Mysticae und Übung des innern Christenthums von Paulo in der Epistel an die Römer vor Augen geleget ist.

(151) Von dieser Sache nun gründlich etwas zu reden, so wird billig vorausgesetzt, daß man durch Theologiam Mysticam nichts anders verstehet, als praxin Christia­nismi interioris, die Übung des innern Christenthums. Nun aber ist das äussere Christenthum, wenns vom innern abgesondert wird, corpus mortuum, ein todtes Wesen, nichts als eine pur lautere hypocrisis und Heucheley. Und demnach ist das so genannte innere Christenthum dasjenige wahrhaftige Christenthum, zu welchem uns GOttes Wort im alten und neuen Testament anweiset, da denn aus solchem innern Grunde alles äussere hervorgehen muß, wenn es anders GOtt gefallen soll. So aber von iemanden etwas anders durch die Theologiam Mysticam verstanden würde, so wäre es traun nicht zu dulden. Paulus hat den ausdrücklichen Ausspruch gethan, daß, so iemand ein ander Evangelium verkündigen würde, ausser dem, das verkündiget worden, derselbe sey anathema. Galat. I. 1 Es muß demnach auch die Theologia Mystica uns kein ander Evangelium bringen, als das Paulus in der Welt geprediget hat, oder es würde derselbe, der sich unterstünde ein anderes zu bringen, desselben anathematis schuldig seyn.

Daß aber das wahre Christenthum diesen Namen bekommen hat, und Mystica Theologia genennet worden, ist geschehen in den saeculis obscurioribus vor der Zeit der Reforf 152) mation, da die Apostolische Einfalt und Lauterkeit der heilsamen Worte unsers HErrn JEsu Christi und seiner göttlichen Lehre dergestalt verlassen und aus dem Wege gethan war, daß man von dem Worte GOttes entweder gar nichts wüste, oder dasselbe doch unter vielen Menschen-Satzungen bedeckt war. Was man