204
IV. Schriften zum Studium der Theologie
noch Christenthum nannte, bestand in diesen und jenen äusserlichen Ceremonien und in einem opere operato, und die es klüger und künstlicher machen wolten, gingen mit lauter Streitigkeiten um, und wurden daher Scholastici genannt; die denn in ihren Controversien am allerwenigsten solche Lehren berührten, welche den seligmachenden Grund betreffen, und auf die praxin und Übung des Christenthums gehen. Weil nun aber andere sahen, daß es damit nicht ausgerichtet sey, weder wenn man nur einige äusserliche Ceremonien mitmache, noch auch, wenn man Controversien tractire, und es dabey bewenden lasse; sondern daß es schlechterdings vonnöthen sey, daß das Reic h GOttes in uns aufgerichtet, und dagegen das Reich des Satans zerstöret werde: so beflissen sie sich dann, dieses aus der heiligen Schrift zu untersuchen, und ihr Gemüth dahin zu lencken, daß auch bey ihnen und in ihrem Hertzen das Reich JEsu Christi sich in der That finden möchte. Eine solche zu der Zeit mehr als zu verborgene und unbekannte Sache wurde denn auch mit (153) einem unbekannten Namen tituliret, indem man solche Personen Mysticos, und ihre Art die göttliche Wahrheit schriftlich vorzutragen Theologiam Mysticam nennete.
Dergleichen Schriften sind auch Luthero in die Hände kommen, und war ihm insonderheit Taulerus 2 nicht unbekannt, über dessen Bücher er gerieth, und aus denselben viele göttliche Wahrheiten erkannte, deswegen auch solche sehr recom- mendirte, und bezeugte, er habe mehr Kraft und Saft daraus gesogen, als aus allen Scriptis der Scholasticorum, 3 darum, dieweil er gewahr ward, daß dieser Mann auf ein rechtschaffenes Wesen gehe, und eine rechte gründliche Aenderung und Besserung des Menschen suche; also, daß ihn dieses nicht wenig erwecket hat, auf einen rechten und lautern Grund des Evangelii zu kommen.
Nachdem aber nachmals durch den Dienst Lutheri klar vor Augen geleget worden, wie weder durch das opus operatum und durch ein Ceremonial-Wesen GOtt ge- dienet werde, noch auch die Sache mit Zancken und mancherley Streitigkeiten ausgerichtet sey; sondern wie man vor allen Dingen rechtschaffene Busse thun, sich zu GOtt bekehren, an JEsum Christum gläuben, und demselben in seinen Fußstapfen nachfolgen müsse: so solten billig andere auf dem Grunde der Propheten und Apostel fortgebauet haben. Weil es aber leider geschehen ist, daß viele sich mit einem blos- (154)sen Wahnglauben beholfen, und nicht gesuchet haben, die Früchte der Busse, des Glaubens und der Gerechtigkeit in ihrem Leben zu beweisen, und dahin zu ringen, daß sie durch die enge Pforte eingehen, und auf dem schmalen Wege, der allein zum Leben führet, wandeln möchten, sondern sich nur so äusserlich mit Christo getröstet: so ist der Unterscheid zwischen den Büchern der so genannten Theologiae Mysticae, und zwischen andern, darin auf keinen rechten Grund der Erkentniß Christi und Hertzens-Aenderung gedrungen wird, geblieben, bis endlich der selige Johann Arndt hervorgetreten, und in seinen Büchern vom wahren Christenthum gar füglich die heilsamen Wahrheiten zusammen gefasset hat. 4
Er war nicht allein in den Schriften Lutheri und anderer rechtschaffenen Theolo- gorum, sondern auch in den Schriften der so genannten Mysticorum belesen, hatte insonderheit Taulerum, auch Thomam a Kempis, 5 und andere dergleichen mehr mit allem Fleiß tractiret. Weil er nun sähe, wie iederman nur so bloß auf ein opus opera-
2 Johannes Tauler (1300—1361), auf Grund der Hochschätzung durch Luther der anerkannte und bekannteste Vertreter der mittelalterlichen Mystik in der evangelischen Kirche.
3 Vgl. Resolutiones disputationum de indulgentiarum virtute, 1518 (WA 1,557) und Luthers Briefe an Spalatin (WA Briefe 1, 79, 96).
4 Vgl. vorl. Ausg., S. 86.
5 Vgl. vorl. Ausg., S. 198.