3. De Theologia Mystica, 1704

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tum oder äusserlich Werck-Christenthum und eingebildeten Namen-Glauben ge­fallen wäre; so ward er bewogen, in besagten Büchern zu zeigen, wie man den rechten Grund des Christenthums in der Busse und Bekehrung legen, und durch den wahren Glauben an Christum in seiner Nachfolge sich finden lassen müsse.

(155) Dabey hat er zugleich das kernhafte und gründliche, welches er in der Theo­logia Mystica gefunden, bey der Lehre von der Erneuerung und dem Ebenbilde GOttes angeführet und gezeiget, wie alles in dem einfältigen und lautern Grunde der Evangelischen Lehre liege, und aus demselben hergeleitet werden müsse. Demnach findet man da die rechte und lautere Evangelische Lehre Lutheri, und kan zugleich sehen, daß dasjenige, was in den Schriften der Mysticorum Gutes gefunden wird, mit derselben genau übereintreffe. Er hat auch die Theologiam Mysticam auf die rechte Apostolische Art und Weise tractiret, GOttes Wort zur Regel und Richt­schnur angenommen, und ist nicht seinen eigenen Einfällen oder Einbildungen ge- folget, daß er also auf keinen andern Grund seinen Vortrag gebauet als auf den Grund der Apostel und Propheten, da JEsus Christus der Eckstein ist. Denn die gantze Sache, welche er vorträgt, kömmt darauf an, daß er zeiget, wie der Mensch durch den Sünden-Fall das Ebenbild GOttes verloren habe, wie aber auch solches durch Christum wieder müsse hervorgebracht und verneuret werden, welches auch die Haupt-Summa des Christenthums ist, wovon die Schrift saget, daß der Sohn GOttes kommen ist, die Wercke des Teufels zu zerstören, 1 Joh. 3,8. Und hingegen das Reich Gottes in uns aufzurichten, welches ist Gerechtigkeit, Frie(156)de und Freude im heiligen Geist. Rom. 14,17.

Nach dieser Methode stellet der selige Johann Arndt im ersten Buch seines ge­dachten wahren Christenthums das menschliche Elend vor Augen, und giebet eine Anweisung zur gründlichen Erkentniß des tiefen Verderbens, darin man ein Kind des Zorns ist, und zu einer rechtschaffenen Hertzens-Busse zu gelangen, als welche erfordert wird, wenn anders der wahre Glaube in dem Hertzen gewircket werden soll. Dieses alles handelt er in vielen Capiteln ab, auf daß die Sache, wenn sie dem Leser auf diese und jene Art und Weise, und nach ihren mancherley Umständen vorge- stellet worden, um so viel mehr einen Eingang bey demselben finde, und einen desto grossem Nachdruck in dem Hertzen habe.

Gleichwie er nun in dem ersten Buche vornehmlich das erste Hauptstück der Busse, nemlich die Reue und Leid über die Sünde, samt der vorhergehenden Er­kentniß derselben vorstellet: Also tractiret er in dem andern Buch das andere Haupt­stück der Busse, nemlich den Glauben. Und wie er im ersten Buche gehandelt hatte von der Erkentniß unsers Elendes: so handelt er in diesem von der Erkentniß der Gnade, die da ist in Christo JEsu, und zeiget also, wie der Mensch, der zur rechten Erkentniß seiner selbst, seiner Sünde und Thorheit gelanget sey, bey Christo JEsu mit einem bußfertigen, zerknirschten und zer(T57Jschlagenen Hertzen Gnade zu suchen habe, auch bey ihm wahrhaftig Gnade finde, so er sie in der Wahrheit und mit bußfertigem Hertzen suche, und wie ihm durch den Glauben an den HErrn JEsum die Gerechtigkeit aus Gnaden geschencket werde; imgleichen wie das schänd­liche Bild des Satans, die Thorheit, der Sünden-Greuel, das böse Gewissen, der Fluch und Zorn GOttes durch Christum hinweggenommen werde; und überhaupt, wie derselbe das einige Heil unserer Seelen sey, der uns allein Hülfe und Rettung geben, und aus solchem Zustande befreyen könne.

Weil aber der Mensch, wenn er zu Christo bekehret ist, nicht stille stehen, noch weniger aber wieder umkehren muß zu seinem vorigen greulichen und sündlichen Leben; weil sonst das letzte mit ihm ärger werden würde als das erste: so handelt er im dritten Buch de renovatione, von der Erneuerung des Geistes, oder wie derjenige,