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IV. Schriften zum Studium der Theologie
der wahrhaftig zur Erkentniß seiner Sünde und zum Glauben an JEsum Christum kommen ist, und die Vergebung der Sünden samt dem Geiste JEsu Christi erlanget hat, zum Ebenbilde GOttes immer mehr und mehr erneuret werde, und zu einer nähern Vereinigung und Gemeinschaft mit GOtt von Tage zu Tage gelangen solle; ferner, auf was Art er in seinem Gebet immer mehr und mehr mit GOtt bekannt werden müsse; und in Summa, wie er sich reinigen solle von aller Befl58,)fleckung des Fleisches und Geistes, und fortfahren mit der Heiligung in der Furcht GOttes. Und in diesem dritten Buch ist eigentlich der Kern von den Mysticis, und insonderheit von Taulero zu finden, so gar, daß auch dessen Worte mannigmal kurtz zusammen gefasset sind. Daher man dieses dritte Buch mit Recht ein Compendium Theologiae Mysticae nennen mag, weil darin gezeiget wird, welches das Ende und der Zweck der gantzen Theologiae Mysticae sey, nemlieh daß man zum Ebenbilde GOttes ie mehr und mehr erneuret werden, und zu einer wahrhaften und nähern Vereinigung und Gemeinschaft mit GOtt gelangen müsse.
Hiemit wäre nun das Werck, welches der sei. Arndt ihm vorgenommen hatte, vollführet gewesen. Dieweil aber GOtt der HErr, der Schöpfer aller Dinge, den Menschen um deswillen erschaffen hat, daß er den, der allein wesentlich gut ist, und dem allein alle Ehre gebühret, und zu dessen Ehre der Mensch geschaffen ist, recht erkenne, und ihn als seinen Schöpfer darüber preise: so führt er in dem vierten Buch den Menschen, welchen er schon in den vorhergehenden Büchern belehret hat, wie er bekehrt, mit Christo vereiniget, und durch denselben zu dem Ebenbilde GOttes ie mehr und mehr erneuert werden müsse, gleichsam in den Garten GOttes hinein, ich meine, unter seine Geschöpfe, und zeiget ihm, (159) wie er in allen Dingen seinen himmlischen Vater in Christo JEsu loben und preisen, und alle Creaturen zu GOttes Ehren recht und nützlich anwenden solle.
In solcher Ordnung hat Johann Arndt sein Buch vom wahren Christenthum geschrieben, und sehen wir aus dem angeführten so viel, daß dieses der rechte Weg sey, auf welchem man von dem Grunde der Evangelischen Lehre nicht irre gehet, noch auch sitzen bleibet, und sich eine falsche Ruhe macht, da, wo man nicht bleiben, sondern weiter fortgehen, und die Gnade GOttes in seinem Hertzen fein kräftig werden lassen solte. Hieraus kan man denn nun erkennen, auf was Art und Weise man ex principiis Euangelicis & fundamentis Apostolicis und intra limites ab Apo- stolis Iesu Christi constitutos 6 die Theologiam Mysticam, oder, welches eben das ist, praxin Christianismi interioris treiben müsse, nemlieh also und in der Ordnung, daß man vor allen Dingen die Busse zum Grunde setze, und eine wahre, ernstliche und gründliche Sinnes-Aenderung bey sich das erste seyn lasse. Weil denn aber die wahrhaftige Busse zwey Stücke in sich fasset, nemlieh contritionem & fidem; da die contritio nicht seyn kan ohne eine lebendige Erkentniß des menschlichen Elendes: so ist dieses auch das erste Stück, das wir wohl zu erwegen haben, worauf auch Paulus in dieser Epistel an die Römer, und zwar in dem (160) ersten, andern und dritten Capitel weiset, und zeiget, wie die Menschen in der Sünde unter dem Zorn GOttes, unter dem Fluch, unter dem Tode und unter der Verdammniß liegen, und allzumal todt sind in Sünden, so lange sie ausser Christo sind. Davon hat nun besagter massen Johann Arndt in seinem ersten Buch so wol aus diesen angeführten ersten Capiteln der Epistel an die Römer, als auch aus vielen andern Schriftstellen ausführlich gehandelt, also, daß man sich da disfalls Raths erholen kan.
6 „aus den evangelischen Grundsätzen und den apostolischen Grundlagen und innerhalb der von den Aposteln Jesu Christi gesetzten Grenzen“.