3. De Theologia Mystica, 1704
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Wolte einer die Theologiam Mysticam treiben, und ein wahres Christenthum üben, und er hätte keinen Grund gelegt in der Erkentniß seines Elendes und greulichen Zustandes, darin er von Natur lieget, der würde gewiß die Pferde nur hinter den Wagen spannen. Denn er wendet solchenfalls Zeit und Mühe vergebens an, geräth auf eigene Einbildung, macht sich hohe conceptus, verirret und verwirret sich in denselbigen, krigt mancherley Ideen aus Büchern. Und weil es ihm am rechten Grunde in seinem Hertzen fehlet, und er sich nicht zur rechten Erkentniß seiner Sünden, seiner Thorheit, seines schändlichen Greuels, darin er vor GOtt lieget, bequemen, und darin recht gründen will: so irret er immer weiter vom rechten Zweck, und wird immer härter, verstockter und untüchtiger zum Reich GOttes. Je mehr er gute Bücher lie(T 61) set, und in, an sich selbst guten, ScEriften sich zu üben meinet; ie mehr er Witz, Weisheit und Verstand zu erlangen gedencket: ie mehr wird er zum Thoren und Narren dabey, darum, daß er des rechten Grundes verfehlet, und, da er sich noch nicht von seinen Sünden gewaschen, dennoch sich rein zu seyn düncket, wie es heisst in den Sprüchen Salomonis Cap. 30. v. 12: Es ist eine Art, die sich rein düncket, und ist doch von ihrem Koth nicht gewaschen.
Darum ists ja nun wohl vonnöthen, daß dieses zu allererst eingeschärfet werde. Denn man siehet es, daß auch wol manche Theologiae Studiosi auf Mysticos fallen, und dieselbigen lesen wollen, da sie doch sehr vonnöthen hätten, daß sie sich erst zur Erkentniß der Sünden ihrer Jugend bringen Hessen, daß sie ihre Schande und Greuel vor GOtt erst recht erkenneten, daß sie erst erführen, was rechtschaffene Buß- Thränen seyn, wenn man den Zorn GOttes über seine Sünden fühlet. Solche Leute werden denn nur super-klug, daß ich so rede, da sie sich düncken lassen, wie klug und geschickt sie sind, von göttlichen Dingen zu urtheilen, und wie wohl sie allerley Wege zu meistern wissen; und in der Wahrheit werden sie darin die allergrösten Narren. Darum ist ein ieglicher treulich zu warnen, daß er ja nicht ein solch voteqov nQOTEQOV 7 begehe, und keinen solchen Saltum thue, sondern erst zuse(162)he, ob er auch einen wahrhaftigen Grund in der Erkentniß seines Elendes geleget habe? ob ihm wol sein elender Seelen-Zustand iemals sey recht offenbar worden?
Das ist der Grund, warum Johann Arndt wohlbedächtig, weislich und verständlich in seinem ersten Buch in so vielen Capiteln von dem menschlichen Elend geredet hat, daß es einen fast düncken möchte, er sage immer einerley, und führe immer das wieder an, was er schon so oft gesaget habe. Er hats, sage ich, wohlbedächtlich gethan. Denn da hats eben am meisten zu thun, wenn der Mensch zur rechten Erkentniß seiner Sünden kommen, und sein Elend sich recht unter die Augen soll stellen lassen, damit er von seinen Sünden sich rechtschaffen zu GOtt wenden könne. Inzwischen gehen in demselben Selbst-Betrug viele tausend fort, die höhere Bücher lesen, und dencken, wie sie schon lange einen Grund geleget haben, und das nicht erst bedürften, daß sie noch anfangen solten, Busse zu thun. Das ist eben das, was die Propheten über die Jüden zu ihrer Zeit klagten, daß sie kämen als ein Volck, welches Gerechtigkeit schon gethan, und das Gesetz seines GOttes nicht verlassen hätte. 8 Es ist aber das wider den Grund der Apostel und Propheten, die allewege auf Busse und Glauben gedrungen, und insgesamt keinen solchen Glauben gelehret haben, der ohne Busse seyn könne. Wer sich daher düncken lässet, er (163) glaube an Christum, und tröstet sich mit seinem Verdienst, hat aber nicht Busse gethan, sondern lebt in Sünden wider sein Gewissen, der betrügt sich aufs allergreulichste. Und ob er sich
7 „das Spätere als das Frühere“, d. h. die Vorwegnahme dessen, was eigentlich erst bewiesen werden muß.
8 Vgl. Jes.58,2.