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IV. Schriften zum Studium der Theologie
auch eiubildete, er lebe nicht in groben Sünden; so ist doch inzwischen sein Hertz noch in seinem alten Unglauben und verkehrten Zustande, und derselbe sein Zustand ist desto elender, dieweil er sein Elend nicht erkennen will.
Wir wissen aber ferner, daß das andere Stück der Busse der wahre Glaube an JEsum Christum sey, daher in der Theologia Mystica, wenn sie auf die gehörige Art tractiret werden soll, so daß man den erwünschten Zweck erreichen will, nicht allein die Erkentniß des tiefen menschlichen Elendes vonnöthen ist, sondern man muß auch zur Erkentniß der Gnade GOttes, die da ist in Christo JEsu, gelanget seyn, und demnach nicht allein über seine Sünde Leid getragen, sondern sich auch von Hertzen nach dem gekreutzigten JEsu umgesehen haben, um in dessen Wunden und offenen Seite sich zu verbergen vor dem Zorn GOttes, und unter diesem Felsen den rechten Schatten zu finden, darin die Seele sicher seyn möge. Ja es ist vonnöthen, daß der Mensch durch JEsum des Geistes der Kindschaft theilhaftig worden sey, durch welchen er rufen kan, Abba, lieber Vater! durch welchen er GOtt als seinen Vater kennet, und Friede mit GOtt hat durch seinen HErrn JEsum Christ; wie geschrieben stehet Röm.5,1: (164) So wir nun sind gerechtfertiget worden durch den Glauben, so haben wir Friede mit GOtt durch unsern HErrn JEsum Christ.
Und von diesem Glauben handelt Paulus im dritten, vierten und fünften Capitel des angezogenen Briefes, und Johann Arndt in besagtem andern Buch vom wahren Christenthum. So nöthig nun das erste Stück ist, daß man nemlich recht sein Elend erkenne; eben so nöthig ist auch dieses andere, daß man nicht durch Verdienst seiner Wercke, noch etwa durch selbst gemachte Heiligkeit gedencke ins Reich GOttes zu kommen, sondern daß man in Christo JEsu das Heil seiner armen Seelen suche, ihn allein erkenne als den, der uns von GOtt gegeben sey zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung, in seinem Namen allein gerecht, und in seinem Blute allein begehre gewaschen zu werden, und zu bestehen vor GOtt dem Vater.
Wie nun ferner das erste Stück von grosser Wichtigkeit ist, und keiner dazu gelangen kan, GOtt öffne ihm denn seine Augen; weswegen auch Sirach Cap.51,26.27. sagt: Ich hub meine Hände auf gen Himmel, da ward meine Seele erleuchtet, daß ich meine Thorheit erkannte: Also ist es auch schlechterdings unmöglich, daß der Mensch aus eigenen Kräften die Gnade, die da ist in Christo JEsu, erkenne, und noch unmöglicher ist es (165) ihm, dieselbe auch anzunehmen. Einiger massen kan der Mensch auch von sich selbst seine Thorheit erkennen, denn so hat auch so gar ein Heyde gesagt: Video meliora proboque; deteriora sequor; 9 wie denn auch sonst die Heyden nicht allein von Tugenden, sondern auch von Lastern gehandelt haben, 10 und sich darein nicht haben finden können, wie es doch komme, daß sie zu so vielen geneigt wären, wovon sie selbst nicht anders sagen könten, als es sey böse. Ob nun zwar also der Mensch einiger massen aus natürlichen Kräften seines Verstandes das Böse bey sich erkennen kan; so ist es ihm doch hingegen, so lange er sich selbst gelassen ist, schlechterdings unmöglich, die Gnade, die in Christo JEsu ist, einzusehen. Das Gesetz ist dem Menschen einiger massen von Natur bekannt; aber das Evangelium gar nicht, und also gehöret dazu insonderheit die Erleuchtung des heiligen Geistes. Wan- nenhero Paulus Röm.5,5. saget: Die Liebe GOttes, d. i. die Erkentniß der Liebe, damit uns GOtt in Christo geliebet hat, ist ausgegossen in unser Hertz durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist. Und in dem 8ten Capitel v. 15.16. redet er noch davon, wenn
9 „Ich sehe das Bessere und billige es; dem Schlechteren jedoch folge ich.“ Der Ausspruch stammt aus den Metamorphosen (VII, 20f.) des römischen Dichters Ovid (43 v. Chr.— 18 n. Chr.).
10 Vgl. vorl. Ausg., S. 133.