3. De Theologia Mystica, 1704

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er bezeuget, daß man von GOtt empfangen den Geist der Kindschaft, durch den wir rufen, Abba, lieber Vater; derselbige Geist gebe Zeugniß unserm Geist, daß wir GOttes Kinder sind; und so wir GOttes Kinder sind, daß wir (166) denn auch Erben GOttes und Miterben Christi sind. Es wird diese Wahrheit auch noch an vielen andern Orten von dem Apostel bestättiget. Also sagt er 1 Cor. 2,9. daß kein Auge gesehen, und kein Ohr gehöret hat, und in keines Menschen Hertz kommen ist, das GOtt bereitet hat denen, die ihn lieb haben. Da er nicht allein von jenem Leben, sondern auch von der Gnade des neuen Bundes redet, wie solches insonderheit von Franzio 11 bewiesen worden. Uns aber, steht im 10. Vers gleich dabey, hat es GOtt offenbaret durch seinen Geist. Wir wissen, setzt er weiter v. 12. was uns von GOtt gegeben ist.

Demnach ist allerdings vonnöthen, daß der Mensch die Erkentniß von GOtt dem HErrn erlange, und ihn bitte, daß er ihm durch seinen Geist nicht nur sein Elend recht erkennen, sondern auch die Gnade des Evangelii hell in seinem Hertzen auf­gehen lasse, wovon auch Paulus 2 Cor. am 3. und 4. Capitel handelt, 12 wenn er zeiget, daß die Decke von unsern Hertzen hinweggethan werden, und GOtt einen hellen Schein in unsere Hertzen geben müsse, so wir anders mit aufgedecktem Angesicht mit Christo handeln, oder seines Geistes theilhaftig werden, und in demselbigen uns zu GOtt nahen wollen.

Das muß also nun recht zum Grunde geleget werden. Wer aber Theologiam Mysticam tractiret, und in mancherley MystiflöZJsche Bücher sich hinein begiebt, und hat doch in diesen beyden Stücken keinen rechten soliden Grund geleget, und weiß nicht recht, weder was Busse, noch was Glaube sey, derselbige spannt allemal die Pferde hinter den Wagen. Er wird sich viel Concepte machen, und, wenn er etwa ein Buch gelesen hat, sich einbilden, er habe dis und das damit erreichet; aber er sey versichert, daß er dadurch nur immer weiter vom R eich GOttes abkommet. Weil A er keinen Grund geleget, so kan sein Gebäude nicht bestehen, sondern wird gleichsam von selbst über den Haufen fallen. Alle seine Einbildung und Phantasie wird ver­gehen, und wenn ihm soll geholfen werden, so müssen die schönen Concepte, die er sich gemacht hat, alle wieder zur Thorheit werden, und er muß lernen, daß er erst umkehren, und den Anfang von der wahren Erkentniß seiner Sünden machen müsse.

0 wie nöthig ists doch, daß das unsern Studiosis gesaget wird, da man inne wird, daß manche gerne hoch fliegen wollen, ehe ihnen die Flügel gewachsen sind, und so gern hohe und Mystische Dinge tractiren wollen, ehe sie noch einen rechten Grund im Catechismo geleget haben. Ich sage nicht davon, daß man denselben bloß aus­wendig gelernet, sondern von dem Grunde rede ich, der im Catechismo angezeiget wird, nemlich daß wir aus den zehn Geboten unsere Sünde erkennen, hernach den wahren Glauben in unsere Hertzen in der (168) Kraft bekommen, und ferner nach der andern Bitte von GOtt seinen heiligen Geist empfangen müssen, daß wir seinem Wort durch seine Gnade gläuben, und göttlich leben hier zeitlich und dort ewiglich. Das alles ist manchem Studioso Theologiae zu geringe, und geräth er daher auf ver­meinte höhere Bücher, siehet aber nicht, daß er das, was im Catechismo stehet, noch nicht ernstlich zu practiciren angefangen habe.

Das giebt nur verdorbene Leute, welche in grosse Einbildung gerathen, und den- cken, was sie sind, und wie weit sie kommen sind; und inzwischen sind sie arme be­trogene Menschen, welche sich selbst ie mehr in solche Wege hinein begeben, darin sie selbst wie Lucifer verderben müssen, und auch, wenn sie andern einmal solten vorgesetzet werden, einen desto grossem Schaden thun. Die blossen Ideen und Hirn-

11 Vgl. vorl. Ausg., S. 20.

12 2. Kor.3,16.18; 4,6.