1. Einfältiger Unterricht, 1694
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Art der Menschen / daß sie sich in der H. Schrifft mehr auff unnütze Fragen / oder hohe Geheimnisse befleißigen / als erst (3 a ) einen rechten Grund in der Busse und im Glauben zu legen. Wo einer nun diese obberührte / oder sonst dergleichen falsche Absichten in seinem Hertzen hat / warüm er die H. Schrifft lieset / der kan mit aller seiner Schrifft-Gelehrsamkeit in den Grund der Höllen verdammet werden / wenn er gleich die gantze Schrifft auswendig lernete. So bringe dann ein Einfältiger
2. Zur Lesung der H. Schrifft Ein recht einfältiges Hertz / das ist / ein auffrichtiges und ungeheucheltes Verlangen / daß er durch die H. Schrifft möge unterwiesen werden zu seiner Seligkeit / durch den Glauben an Christum Jesum / (3 b ) 2. Tim. 111,15. und daß er also glauben und leben möge / wie es ihme in Lesung der Heil. Schrifft von GOtt selbst fürgehalten wird. In Summa; wenn du die H. Schrifft zu lesen fürnimmst / muß das allein dein auffrichtiger Zweck seyn / daß du ein gläubiger und frommer Christ werden mögest / nicht nach dem Schein / sondern in der wahren Krafft / daß du dich versichern könnest / du gefallest hier dem lieben GOtt wohl / und werdest dort seiner mit ewiger Freude gemessen.
3. Da muß nun das Gebet das erste seyn / und kan ein Einfältiger auff diese oder dergleichen Art und Weise / ehe er in der Bibel lieset / GOtt anreden / nicht mit dem Munde allein / sondern mit recht andächtigen Hertzen: 0 (4 a ) du ewiger und lebendiger GOtt / wie können wir dir gnugsam dancken / daß du uns deinen heiligen Willen in deinem Worte so gnädig geoffenbahret hast / daß wir daraus lernen können / wie wir gläubig / fromm und selig werden sollen! So gieb mir nun deinen H. Geist / daß er mir meine Augen öffne / zu sehen die Wunder in deinem Gesetze; daß er durch dein Wort den Glauben in meinem Hertzen würcke und vermehre / und meinen Willen kräfftiglich lencke / daß ich mich freue über deine Zeugnisse / und von Her(4 b )tzen an dich glaube / und dein Wort halte.
4. Billich ist es auch / daß das Lesen der H. Schrifft mit lauter Gebet und seufftzen / wie auch mit Lob und Danck GOttes verrichtet werde. Denn dieses ist die einfältigste Art / daß man allezeit seine gute Erbauung darbey habe. Z. E. im 1. B. Mos. 1,1. Im Anfang schuff GOTT Himmel und Erden. 0 du ewiger GOtt / ich dancke dir / daß du mich durch dein Wort lehrest / woher Himmel und Erden ihren Ursprung haben. Oder: Ach lieber Vater in dem Himmel / wenn ich meine Augen auffrichte zu dem (5 a ) Himmel / und nieder sehe zu der Erden / so führe doch mir dieses dein Göttliches Wort zu Gemüthe / daß ich dich als den Schöpffer Himmels und der Erden ehren und anbeten solle. Oder: Ach lieber GOTT! hastu Himmel und Erden erschaffen / so bistu ja besser und herrlicher als Himmel und Erden. Darum / wenn ich nur dich habe / so frage ich nichts nach Himmel und Erden. Oder: 0 GOTT / du bist ja wohl Vater über alles was da Kinder heisset / im Himmel und auff Erden / der du Himmel und Erden erschaffen hast. Ach lehre mich doch allezeit recht (5 b ) bedencken / was auch mein sterblicher Leib / das Stücklein Erde /für einen grossen Baumeister und Schöpffer habe. Oder: Ach lieber Vater in dem Himmel / wie kan ich doch nun ferner sorgen ümb meine leibliche Erhaltung / weil ich dich zum Vater anruffe / der du Himmel und Erden erschaffen hast / etc. Also mag man bey einem ieglichen Yersicul in der Bibel stille stehen / und wie Lutherus redet / gleichsam an ein iegliches Sträuchlein klopffen / ob auch einige Beerlein herunter fallen wollen. 1 Dünckets einem im Anfänge etwas schwer zu seyn / und will nicht so gleich das Gebeth fliessen / so mag (6 a ) man wohl weiter gehen / und es gleichsam an einem andern Sträuchlein versuchen. Wenn die Seele nur fein hungrig ist / so wird sie der Geist GOttes nicht ungesättiget lassen / ja es wird sich endlich finden / daß der Mensch an einem einigen kleinen Verßlein so viel lebendiger Früchte
1 Vgl. WA Tischreden I, Nr. 674; Y, Nr. 5355.