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V. Schriften zur Hermeneutik
wenden soll; oder / sie könf3 a ,)nen allezeit / wenn sie ein besonderes Buch oder Epistel im Neuen Testament lesen wollen / hieraus sich vorhero von dem Zweck und Inhalt desselbigen belehren lassen / und diejenigen Oerter / aus welchen der Zweck eines jeden Buchs bewiesen wird / fleißig nachschlagen und erwegen. Doch sollen sie allezeit bedencken / daß es mit solcher äußerlichen Wissenschafft keines weges aus- gemachet sey / als welche auch wohl ein unwiedergebohrner Mensch in sein Gehirn fassen kan; sondern sie müssen dieses als ein Mittel ansehen / wodurch Gott die heilsame Erkäntniß JEsu Christi in ihnen pflantzen / und in ihr Hertz und Sinn geben will / daß er GOTT diene im neuen Wesen des Geistes / und nicht im alten Wesen des Buchstabens. Beydes würde unverständig gehandelt seyn / wenn einer den Kern essen / (3 b ) aber die Nuß nicht auffbeissen wolte; und wenn einer die Nuß aufbeissen / den Kern aber wegwerffen wolte. Das aber ist der rechte Weg / so man ihm nicht verdriessen lässet / durch fleißige und emsige Betrachtung des äußerlichen zur Erkäntniß des innerlichen zu gelangen / und nicht in dem äußerlichen / sondern in dem- selbigen / der selbst das Licht und Leben ist / nemlich in Christo JEsu / und dessen warhafftiger Gemeinschafft und Theilhafftigkeit die Beruhigung seiner Seelen zu suchen. So nun die Ungelehrten und Einfältigen in diesem Tractätlein hin und wieder etwas finden möchten / welches sie nicht recht verstehen / und für sie nicht einfältig genug scheinet / (ob zwar an sich selbst nichts schweres und hohes hierinnen ist / es sey dann / daß man den Inhalt der Schrifft selbst also nennete) so können (4 a ) sie solches sicherlich vorbey gehen / und sich begnügen lassen / daß sie nur daraus lernen / was der Zweck und Inhalt des Alten und Neuen Testaments / und insonderheit eines jeglichen Briefes und Buches im Neuen Testament sey / der zum wenigsten mit klaren und einfältigen Worten angezeiget wird. Das übrige ist nicht für sie geschrieben / und wird doch auch die seinigen finden / welche ihre Erbauung daraus schöpffen werden.
(2) Suchet man mit diesem Tractätlein zu dienen denen Catechetis, oder allen / welche Junge oder Alte im Grunde der Christlichen Lehre zu unterrichten haben. Denn dieselbigen werden selbst befinden / wenn es ihnen anders mit ihrem catechisiren ein rechter Ernst ist / und wenn sie sich befleißigen das theure Wort Gottes Alten und Jungen einzuschärffen / wie (4 b ) sehr es in diesem Stücke fehle / und wie wenig die Leute sich in die H. Schrifft und deren rechten Gebrauch zu schicken wissen. Daher ihnen nun dieses zu statten kommen mag / ihre untergebene einfältiglich zu unterrichten von dem Zweck und Inhalt der Heiligen Schrifft / und weil man es noch zur Zeit nicht wohl dahin bringen kan / daß ihnen die Leute die gantze Bibel anschaffe- ten / und man sich mehrentheils begnügen muß / wenn sie nur erstlich / insonderheit die Kinder / das Neue Testament fleißig lesen und handeln (daher einige ohne allen Grund lästern / daß man das Alte Testament gar verwürffe) so wird ihnen dann dieses Büchlein insonderheit dazu dienen / daß sie bey denen Gemühtem eine Lust und Liebe erwecken zur fleißigen Lesung des Neuen Testaments / und ihnen einen Fürschmack (5 a ) geben von der Göttlichen Lehre / so darinnen enthalten ist / wodurch dann auch eine desto grössere Begierde und Verlangen bey ihnen wird angezündet und erwecket werden / die gantze Bibel mit Fleiß zu lesen. Zu solchem Ende werden sonderlich dienen die Marginalia, welche leichtlich in Fragen können eingerichtet werden / und wird ein jeglicher selbst urtheilen können / was zur einfältigen und kurtzen Antwort aus dem Büchlein genung sey; Weil ja nicht alles sich für Kinder und Einfältige schicket / noch ihnen nöhtig ist. Weiß aber einer seine Untergebenen auf eine bessere und deutlichere Art zur gründlichen Forschung der Heil. Schrifft anzuweisen / so werde der Nähme des HErrn in solcher Gabe gepriesen; mir aber wirds desto grössere Freude seyn / so Gott einem eine vollkommnere Gabe (5 b ) ver-