2. Einleitung zur Lesung der H. Schrift, 1694
223
liehen / und dessen / was mir der HErr gegeben (dafür ich ihn demühtig preise) nicht bedarff. Wenn nur Gottes Wort in der Furcht Gottes und zur Erbauung getrieben und gehandelt wird / es geschehe auff was Art und Weise es immer wolle / so wird es Gott nicht ohne Segen seyn lassen. Diejenigen aber / so es zu gebrauchen gedencken / werden wol thun / so sie vorhero / ehe sie dieses mit ihren Untergebenen zu handeln fürnehmen / ihnen wohl bekant machen den einfältigen Unterricht / wie man die Heil. Schrifft zu seiner wahren Erbauung lesen solle / wie solcher für kurtzer Zeit in einem einigen Bogen verfasset / und allhier ediret ist. 1 Denn darinnen sind die nöhtigsten Regeln / so zur erbaulichen Lesung der H. Schrifft gehören / begriffen / welche in diesem Tractätlein voraus gesetzet werden.
(6 a ) (3) Ist auch furnemlich mit diesem Tractätlein gesehen auff den Nutzen der Studiosorum Theologiae. Denn da ist in dem Studio Hermenevticae Sacrae nichts nöhtiger und nützlicher / als daß man den Scopum oder End-Zweck einer jeglichen Rede erkenne / und ist in der manuductione ad lectionem Scripturae S. 2 erinnert worden / daß der allerleichteste Weg zu solcher Erkäntniß sey / wenn einer der sich länger in der Lesung der Heil. Schrifft geübet / den Zweck eines jeglichen Buchs mit deutlichen Worten für Augen legete. Solches wird nun mit dieser Arbeit / für- nemlich / so viel das Neue Testament betrifft / intendiret / und zugleich ein deutlicher Unterricht gegeben / wie man selbst aus guten und gewissen Gründen den Zweck eines jeglichen Buches recht erkennen solle / und wie die Erkäntniß (6> b ) solches Zwecks in einem jeglichen Buche eine nützliche Anleitung sey / das Buch zu desto mehrer Erbauung zu lesen. Es ist Studiosis Theologiae diese Erkäntniß so nöhtig / daß sie ohne derselbigen nichts gewisses und gründliches in ihrem Studio Theologico lernen können / und kan sich ein jeglicher versichern / so er sich fleißig darinnen übet / daß er auch sein Lebenlang in der Betrachtung und Abhandelung der Biblischen Texte dessen wird zu gemessen haben. GOTT gebe uns allen / daß wir seine Erkäntniß nicht in hohen Worten Menschlicher Weißheit / sondern mit einfältigem Hertzen in dem Worte seiner Warheit suchen / und durch Krafft und Beweisung seines Geistes erlangen / Amen!
(A 1*) §. 1.
Die H. Schrifft mit rechtem Nutzen und zu seiner Erbauung / insonderheit aber zum gewissen Wachsthumb in der Erkäntniß der seligmachenden Lehre / zu lesen / ist kein geringes Hülffs-Mittel / daß man den eigentlichen End-Zweck warum ein jedes geredet sey / recht verstehe / und nach solchem End-Zweck den Verstand eines jeglichen Textes untersuche und beurtheile / dabey doch andere zur Auslegung II. Schrifft dienliche Mittel nicht auszuschliessen sind.
(A 1o) §. 2 .
Daher kan einem Einfältigen / der begierig ist die Heil. Schrifft zu seiner Erbauung in Gott zu lesen / nicht wenig damit gedienet werden / so man ihm den Zweck und die Absicht eines jeglichen Buchs der H. Schrifft deutlich für Augen stellet. Denn wo dieses nur erst deutlich erkant wird / da läst sich hernach leichter verstehen / welches in einem jeden besondern Texte der Zweck und die Absicht der Männer GOttes sey; sintemahl der Zweck eines besondern Texts allezeit mit dem Zweck eines gantzen Buchs verknüpffet ist.
1 Vgl. vorl. Ausg., S. 21611.
2 Vgl. vorl. Ausg., S. 215.