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Y. Schriften zur Hermeneutik

bekam zumachen suche / weil (All b ) GOtt der allerweiseste nöthig erachtet / zu dessen richtiger Beschreibung vier seiner getreuen Knechte mit seinem H. Geiste auszurüsten / damit uns ja solches allervollkommenste Muster mit lebendigen Farben für Augen gemahlet / und tieff in unsere Hertzen gedrucket werde. 2. Daß man sich nicht begnügen lasse die blossen Historien ins Gedächtniß zu fassen / sondern daß man durch die Schrillten der Evangelisten seinen Glauben an den HErrn JEsum recht gründe und befestige / und also durch denselbigen Glauben die Hoffnung der ewigen Seligkeit fest bewahren. 3. Daß man auch solchen seinen Glauben desto (A 12 a ) eiffriger in der Nachfolge des HErrn JEsu beweise / wie nicht allein die Evan­gelisten selbst hin und wieder mit den Worten des HErrn JEsu melden / daß dieses der Zweck sey ihrer Erzehlungen / als Joh. XIII, v. 15. c. XV, v. 17,18,19,20. &c. sondern auch die Apostel fleißig darauf weisen z. E. Rom. XV,3. 2. Cor. VIII, v. 9. Phil. II, v.5. Col. III, v. 13. 1. Petr. 11,21,22,23. c. IV. v. 1,2. 1. Joh. II, v.6. 4. Daß man auch die Harmonie oder Einstimmung der Evangelisten nicht verachte / so wohl in der Sache selbst / als in der Historischen Ordnung. 5. Daß man insonderheit sich in der Lehre (A 12 b ) von der Person und dem Ampt unsers HErrn JEsu CHristi recht gründe / und befestige / welches dann desto besser geschiehet / wenn man gewahr wird / daß in allen Geschichten und Reden dieses der Zweck sey / daß die Herrlichkeit JEsu Christi offenbaret werde.

(B 3*) §. 12.

Von den Brieffen des Apostels Pauli ist insgemein zu behalten / das deren Zweck mit seinem Amte gar eigentlich übereinstimme / nemlich daß er das Geheimniß von Christo kund mache / wie er selbst solches andeutet Eph. III. 8 Und weil sonderlich zu derselbigen Zeit unter Jüden und Heyden der Streit war von der Rechtfertigung / von den Wercken des Gesetzes / von dem Vorzüge des Jüdischen Volcks für denen Heyden / und was (B 3 b J dahin gehöret / so gehet auch der Zweck und die Absicht des Apostels in seinen meisten Brieffen dahin / das er von diesen Dingen klaren Unterricht gebe / und kan dem Leser der Episteln Pauli fürnemlich dienen / daß er die Apostel- Geschichte / und in denenselben für allen das 15. Capitel fleißig lese / als in welchem der rechte Ursprung solches Streits enthalten ist. Hiernechst dienet auch nicht wenig J in allen Episteln den rechten Zweck des Apostels zu beobachten / wenn man an dem Apostel insonderheit drey Stücke wahr nimmt: Erstlich / daß Er den wahren selig­machenden Glauben und die Rechtfer(B 4 a )tigung eines armen Sünders für GOTT mit grossem Ernst treibet / und gar deutlich ausleget / also daß diese Gabe in ihm für allen andern Aposteln herfür leuchtet. Zum andern / daß er sehr hertzliche und recht Mütterliche Liebe gegen die Gemeinden getragen / und dahero auch in solchen Über­fluß der Liebe stets gegen sie ausfliesset / obwol nicht ohne heiligem Eyfer und Ernst / wenn das böse an ihnen zu bestraffen gewesen. Zum dritten / daß er allenthalben grosse Weißheit / Behutsamkeit u. Fürsichtigkeit gebrauchet / wo entweder etwas gutes zu erhalten / oder Friede und Einigkeit zu machen / (B 4 b ) oder die Mißbräuche bey den Gemeinden zu straffen fürgefallen; Daß er wol einem getreuen Gärtner gleich ist / der allen Segen allein von der Güte des Himmels erwartet / und doch mit hertzlicher Lust und Liebe des Gartens wartet und pfleget / und keiner Arbeit schonet zu pflantzen und zu begiessen / und das Unkraut auszuräuffen / und mit aller Fürsichtig­keit die zarten Pflantzen für schädlichen Zufällen in acht nimmet und verwahret. Aus diesen Eigenschafften des Apostels fliessen viele Reden / und wo man von Gott

5 Eph. 3,3 ff.; 6,19.