2. Einleitung zur Lesung der H. Schrift, 1694
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die Gnade hat / diese recht einzusehen / kan man die Absicht seiner Worte zum öfftern viel leichter und (B 5 a ) mit weit grossem Nutzen erkennen. Und solches dienet dann auch darzu / daß man den heiligen Fußstapffen des Apostels destobesser nachfolgen / und seinem Glauben an den HErrn JEsum / seiner brünstigen Liebe / durch welche er sich gelitten bis an die Bande / als ein Ubelthäter / und alles erduldet umb der Auß- erwehlten willen / auff daß auch sie die Seligkeit erlangen möchten in Christo JEsu mit ewiger Herrlichkeit. 2. Timoth. 11,9.10. und seiner mit so grosser Demuth verbundenen Weißheit in der Furcht des HERRN nachstreben könne.
(B 5 b ) §. 13.
In der Epistel an die Römer ist der Zweck des Heil. Apostels / daß er denen jenigen / welche aus dem Juden- und Heydenthumb zum Christenthumb bekehret waren j beweise und darthue / daß so wohl Juden als Heyden / ehe sie zu Christo kommen / alle unter der Sünde und dem Zorn Gottes liegen / und gerecht werden / ohne des Gesetzes Werck j allein durch den Glauben; Und weil solches insonderheit wieder die Jüden / so der Gerechtigkeit des Gesetzes nachjageten / gerichtet war / so sind auch die Beweiß-Gründe / und die Einwürffe / (B 6 a ) welche er beantwortet / mehrentheils solcher Art / daß er dadurch den Irrthumb der Jüden / welche auff die Gerechtigkeit der Wercke fielen / wegnehme / dabey er aber auch gleichwohl / weil der Streit zwischen Heyden und Jüden war / nicht vergisset / die Heyden für aller Verachtung der Jüden / und insgemein die Starcken für der Geringachtung der Schwachen zu warnen / und also an beyden Seiten die wahre Einigkeit des Glaubens und das Band der ungefärbten Bruder-Liebe anzubefehlen. Aus dieser Absicht muß nicht allein der Anfang der Epistel bis an das neunte Capitel / sondern auch (B 6 b ) das 9. 10. und llte Capitel beurtheilet werden / dadurch es denn auch viel leichter zu verstehen ist / als wenn man davor hält / daß der Apostel in dem 9. Capitel zu seinem eigentlichen und für- nehmsten Zweck habe von der Gnadenwahl zu handeln. Ja auch eben umb des obberührten Zwecks willen setzet der Apostel so viele nachdrückliche Ermahnungen / in den 12. 13. 14. und 15. Capitel hinzu. Weil aber diese Epistel den rechten Haupt-Artickel der Christlichen Lehre betrifft / so kommet es daher / daß dieselbige einen so ordentlichen und deutlichen Begriff der gantzen Christlichen Lehre in sich fasset. Wer nun diesen Zweck des (B 7 a ) Apostels in Lesung der Epistel an die Römer fleißig in acht nimmet / der wird (1) dieselbe sonderlich lieb gewinnen / und sich dadurch in dem Grunde seiner Seligkeit fein wohl zu gründen trachten; Wie denn ein jeder sehr wohl thun würde / wenn er die Epistel an die Römer als ein tägliches Hand-Büchlein immer triebe / und damit umginge / in der Furcht Gottes und mit fleißigem Gebet. Es würde gewiß solches ein kräfftiges Mittel seyn / gegen manchen Wind der Menschen-Lehre und Anfechtung feste zu stehen. (2) Wird einer dann den damahligen Streit zwischen den Jüden und Heyden / von dem heutigen / (B 7 b ) zwischen denen Evangelischen und Papisten / oder zwischen denen Evangelischen und Socinianern / 6 desto deutlicher unterscheiden / oder auch worinnen solche heutige Streite mit jenen Übereinkommen / erkennen. (3) Dahero desto besser erkennen / wie er die Beweggründe des Apostels zu seiner Stärckung und jener Wiederlegung ohne Verdrehung der eigentlichen Absicht des Apostels recht gebrauchen könne. (4) Die herrliche Verbindung der gantzen Epistel desto deutlicher erkennen /
6 Sozinianer, genannt nach Fausto Sozzini (1539—1604), gekennzeichnet durch rationalistische Kritik an den überkommenen Dogmen, besonders an der Trinitätslehre, an der Christologie und an der Sakramentslehre.