228

V. Schriften zur Hermeneutik

und also auch die treffliche Harmonie oder Yerknüpffung der gantzen Christlichen Lehre desto besser fassen. (5) Den gantzen Grund (B 8 a ) und die rechte Ordnung der Bekehrung des Menschen; und aus welcher Qvelle alle wahre Gottseligkeit bey dem Menschen fliessen müsse; und wie der wahre seligmachende Glaube die Busse und ein heiliges Leben mit sich führe / desto klärer verstehen lernen. Es kan Anfängern die Vorrede Lutheri über diese Epistel nicht gnug recommendiret werden / als worin­nen dieses alles fein auffgezeichnet ist. 7

(G 8 b ) §. 33.

In der Epistel Jacobi ist der oben mit den Worten Chemnitii 8 angezeigete Zweck fürnehmlich allenthalben offenbahr. Denn es ist dieses eine rechte Straff- und Er­mahnungs-Epistel I darinnen der Zweck des Apostels ist / laue und kaltsinnige Christen / welche sich mit dem Munde des Glaubens rühmeten / (G 9 a ) und der Gnade unsers HErrn JEsu Christi trösteten / aber keine rechtschaffene Früchte des Geistes von sich spüren Hessen / zu bestraffen / und zu einem ernstlichen und thätlichen Wesen des Christenthums / in Liebe / Sanfftmuth / Demuth / Verläugnung / Geduld / Gebeth und andern Christlichen Tugenden / nachdrücklich zu ermahnen und auffzumuntern. Wo nun dieser Zweck beobachtet wird / so dienet es darzu / daß man (1) Jacobum mit Paulo desto leichter conciliiren und vergleichen könne. Denn Paulus hat es mit denen zu thun / welche durch die (G9 b ) Wercke des Gesetzes wolten gerecht und selig werden; Jacobus aber mit denen / welche durch einen Wahn-Glauben wolten selig werden / oder / welche ihren blossen Historischen Glauben für den rechten selig­machenden Glauben hielten. Daher kommet es dann / daß diese beyden Apostel so gar unterschiedene Reden führen / und dem ersten ansehen nach scheinen / als wären sie einander gantz zuwider / da sie doch in ihrem Grunde gantz einig sind / so man beyder Worte und Reden nach ihren unterschiedlichen Zweck beurtheilet. So ist es wahr / was Paulus saget: Der Mensch werde gerecht ohne des Gesetzes Werck / alleine (G 10 a ) durch den Glauben Rom. III.28. das ist / wie er sich selbst erkläret / Gal. V.6. durch den Glauben / der durch die Liebe thätig ist / ob wohl die Gerechtigkeit nicht den Wercken sondern dem Glauben zugerechnet wird. Und ist auch wahr / was Jacobus saget / daß der Mensch durch die Wercke gerecht wird / nicht durch den Glauben allein Cap. II. v.24. das ist / nicht durch einen solchen Glauben / der ohne Liebe sey wie ihnen viele einbildeten / sondern durch einen solchen Glauben / der sich in guten Wercken thätig erweise / werde der Mensch gerecht. Jacobus hebet die Schrillt (G 10 b ) nicht auff / welche spricht: Abraham hat Gott gegläubet und ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet; er erinnert aber die Epicurischen Menschen / daß die Schrillt zugleich zeuge: Abraham sey ein Freund Gottes geheissen cap. 11.23. und daher schliesset er / es sey kein seligmachender Glaube / da einer noch als ein Feind Gottes lebet. (2) Lernet man aus solchem Zweck / daß dieses ein rechter Brieff sey /für unsere Lutheraner / welche sich insgemein des Glaubens und der Gnade JEsu Christi trösten / und doch bey solchem Wahn des Glaubens in allen Sünden und Lastern stecken. Daher man ihnen (G ll a ) auch aus diesem Brieffe zeigen kan / daß man

7 Ygl. WA Deutsche Bibel 7, 2 ff.

8 Francke bezieht sich in § 27 auf die Loci Theologici von Martin Chemnitz. Es handelt sich um das Kapitel De justificatione. Der in Frage kommende Abschnitt trägt die Überschrift: II. Quae certamina in scriptis Novi Testamenti tempore Christi et Apostolorum annotata inveniantur (vgl. die Wittenberger Ausgabe der Loci Theologici von 1610, S. 238). Zu Chemnitz vgl. vorl. Ausg., S. 187.