2. Einleitung zur Lesung der H. Schrift, 1694

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nicht die Lehre Lutheri vom Glauben. / sondern ihren Mißbrauch der Lutherischen Lehre wolle abgethan wissen / wenn man auff ein rechtschaffenes Wesen im Christen- thumb dringet.

(H 2 b ) §.36.

Also ist nun auch kürtzlich der Zweck eines jeden Buchs im Neuen Testament angezeiget worden. Weil aber daran so viel gelegen ist / daß ein jeder selbst über­zeuget sey / welches da sey der warhafftige Zweck eines jeglichen Buches / und man gewiß in der Auslegung des gantzen Buches fehlet / wo man nicht den rechten und eigentlichen Zweck erkennet / so wird nützlich seyn / daß man auch dieses hinzu thue / auff was Art und Weise ein jeglicher darzu gelangen könne / daß er den rechten Zweck in einem jeglichen Buche erforsche und erkenne. Und zwar ist da (1) von- (H 3 a Jnöthen / daß man ein gantzes Buch mit allen Fleiß durchlese / gleich wie einer sich nicht getrauet von dem Zweck und der Absicht eines Briefes / den er auch nur von einem guten Freunde empfähet / zu urtheilen / ehe und bevor er den gantzen Brieff durchgelesen hat. Ja man muß sich nicht verdriessen lassen öffters und viel­mahl ein einiges Buch durchzulesen / damit man recht gewiß werde. So man einmahl von dem Zweck eine rechte Gewißheit hat / hat man darnach allezeit den Vortheil davon / so offt man einen Spruch oder Text aus demselbigen betrachtet. (2) Es pflegen auch öffters die Män(H 3 b )ner GOttes selbst den Zweck ihres Buchs oder Epistel / oder auch nur eines gewissen Stücks derselbigen / mit ausdrücklichen Worten anzuzeigen / z. E. Johannes Cap. XX. v. 31. und Petrus in der andern Epistel am III. v. 1. Und ist da der Zweck am allerleichtesten zu erkennen / absonderlich / wo derselbige im Anfänge / und gleichsam im Titul des Buchs angezeiget wird / als in den Sprüchwörtern Salomonis Cap. 1. Dis sind die Sprüche Salomonis des Königs Israels / Davids Sohns / zu lernen Weißheit und Zucht / Verstand / Klugheit / Gerechtig­keit / recht und schlecht / (H 4 a ) daß die Albern witzig und die Jünglinge vernünffdg und fürsichtig werden . 9 Dergleichen deutliche Anzeigung des Zwecks geschiehet auch in der ersten Epistel S. Johannis Cap. I, v. 1.2.3.4. und Luc. C.I. v. 1. (3) Nechst diesem ist das allerfürnehmste / den rechten eigentlichen Zweck insonderheit in denen Episteln zu erkennen / so man fleißig achtung hat auff die conclusiones oder Schluß-Reden / welche pflegen durch einige Beschliessungs-Wörtlein: Derohalben / Nun / Darumb u. s. f. angezeiget zu werden. Solche conclusiones oder Beschliessungs- Reden muß man erwegen / sie gegen (H 4 b ) einander halten und wohl betrachten / worinnen sie fürnemlich Übereinkommen / so wird man entweder den Zweck daraus erkennen / oder so man ihn schon erkant hat / dadurch desto gewisser werden. Also wird in der Epistel an die Epheser in der conclusion oder Beschliessungs-Rede / welche enthalten ist Cap. II. v. 11. und 12. der Zweck der gantzen Epistel (nemlich daß Jüden und Heyden durch Christum ein Leib worden sind) dargestellet / und auch dieses zu einem nähern und eigentlichem Zweck (nemlich der Ermahnung zur Ein­trächtigkeit und brüderlichen Liebe) geführet in der conclusion oder Beschlies (H 5 a ) sungs-Rede / welche enthalten ist Cap. IV. v. 1.2.3. (4) Dienet sonderlich den Zweck eines jeden Buchs zu erkennen / so man die Historischen Umstände wahr nimmet / darinnen etwa die Gelegenheit zu schreiben / oder der Status controversiae, das ist / wovon eigentlich die Frage und Streit sey / angezeiget wird. Denn wer die Gelegenheit zu schreiben recht erkennet / der siehet auch leichtlich / welches der Zweck sey / warumb geschrieben worden. So dienen auch darzu (5) die Historischen Bücher in

9 Spr. Sal. 1,14.

16 Peschke, Francke-Werke