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V. Schriften zur Hermeneutik
XII. Doch darffst du dir keine Marter daraus machen / solche Betrachtung in Lesung der heiligen Schrillt anzustellen. Wann anders dein Bibel-Lesen mit hertz- lichem Gebeth / und mit heiliger Begierde / Christum recht zu erkennen / verknüpffet ist; so wird sichs unter der Hand immer besser geben / du wirst von GOtt selbst in eine erquickende und süsse Betrachtung seiner ewigen Wahrheit unvermercket eingeleitet werden / und er wird dir nach und nach die unergründlichen Tieffen / und verborgenen Schätze der Weißheit und Erkäntniß / so in Christo Jesu sind / (Col. II.3.) entdecken / hierzu mögen dir auch dienen / der vorhin von mir edirte Unterricht / wie man die Heil. Schrifft lesen solle; und das Tractätlein: Einleitung zur Lesung der Heiligen Schrifft. 3
XIII. Du darffst dich auch nicht wundern / wann dir zu erst in Lesung der Heil. Schrifft das allermeiste dunckel und undeutlich vorkommet / und wann du manchmal viel Capitel / sonderlich im Alten Testament / lesen must / ehe du etwas findest / welches dir / deinem Bedüncken nach / zur Erkäntnüß Christi beförderlich seyn könne. Was dir zu schwer ist / darüber zerbrich dir den Kopff nicht / sondern laß es willig ausgesetzet seyn / biß du (109) geübtere Sinne in den Geheimnissen GOTTes erlangest. Inzwischen wirst du schon allezeit etwas finden / das dich zu Christo leite. Mache dir das wenige / das dir leicht vorkömt / recht zu nutz / und gebrauche es / dich dadurch in der Liebe Christi zu gründen und zu stärcken / so wird dir das schwere nach und nach auch leicht werden. Hängen dir einige Früchte (wie Herr D. Spener in der Glaubens-Lehre p. 495. davon redet) 4 zu hoch / daß du sie nicht erreichen kanst / so laß dirs gnug seyn / daß du dich mit denen sättigest / die gleichsam tieffer herab hängen. Vielleicht bewahret auch GOTT manches Wörtlein in deinem Hertzen / das du noch zur Zeit nicht fassest / noch verstehest; Du wirsts aber hernach erfahren (Joh. XIII.7.) wenn du solches / wie Maria (Luc. 11.19.) fleißig bewegen wirst in deinem Hertzen. So du nur allem guten Rath / der dir gegeben wird / treulich folgest / so wird dir das göttliche Licht bald heller werden / und Christus als die Sonne der Schrifft / wird bald den dicken Nebel in deinem Gemüthe vertreiben / und alle Capitel / Versicul / und Worte beleuchten / daß du ihn darinnen erkennest / welches du vorhin nimmermehr dir hättest einbilden können.
XIV. Damit du aber die allersicherste und gewisseste Handleitung habest / von einer Stuffen zur andern fortzugehen / und also deiner Schwachheit und deinen im Worte GOttes ungeübten Sinnen / auffs bequemlichste und beste auffgeholffen werde / so ist es billig / wann du in der Schrifft Christum recht suchen und finden wilst / daß du von dem / was in solcher Sache das allerkläreste und leichteste ist / den Anfang machest. Nun ist das Neue Testament in der Predigt von Christo dem Heylande der Welt weit klärer als das Alte: ja es ist unlaugbar / daß es der rechte Schlüssel ist des Alten Testaments / in dem (1) uns in demselbigen der jenige in Person dargestellet wird / welcher im Alten Testament verheissen / und daselbst im Schatten und Bilder-Werck bedeutet worden; und (2) indem die Evangelisten und Apostel fast nichts anders thun / als daß sie uns wie der sei. Lutherus saget / in das Alte Testament treiben / 5 und auff Christum weisen. Dannenhero wird zwar voraus (110) gesetzet / das man die gantze Bibel oder alle Schrifften Altes und Neues Testaments / wenigstens einmal / durch gelesen / und in derselbigen Durchlesung den Verlauff der
3 Vgl. vorl. Ausg., S. 221 ff.
4 Ph. J. Spener, Die Evangelische Glaubens-Lehre / In einem Jahrgang der Predigten Bey den Sonn- und Fest-täglichen ordenlichen Evangelien / auß heiliger Göttlicher schrifft, Frankfurt a. M. 1688.
5 Adventspostille 1522, WA 10 I, 2, 34.