3. Christus der Kern Heiliger Schrift, 1702

237

Dinge / so in beyden Testamenten beschrieben werden / Summarisch eingenommen habe; Darnach aber / wenn es auff eine gründlichere und eigentlichere Erkäntnüß der göttlichen Wahrheit und auff ein rechtes forschen in der Schrifft ankommt / so ist / aus dem itzt angezeigten Grunde / einer verständigen Lehr-Art am gemässesten / daß man sich vornemlich und zu erst mache an die Schrifften des Neuen Testaments / dieselbigen mit allem Fleiß zu betrachten / und ihme dieselbigen auffs allerbeste bekant zu machen.

XV. In dieser Lesung des Neuen Testaments muß dann dieses die vornehmste / ja einige Absicht allezeit seyn und bleiben / daß man zur heilsamen und lebendigen Erkäntniß JESU Christi gelangen möge. Hierzu aber zu kommen / will nicht allein nöthig seyn / daß du auff die Person / Worte und Wercke / wie auch auff das Leyden Christi dein Hertz und Sinn andächtiglich richtest / sondern daß du auch die Sprüche / welche im Neuen Testament aus dem Alten als Zeugnisse von Christo angezogen werden / erwegest / im Alten Testament selbst auffschlagest / das vorhergehende und nachfolgende in Mose / den Propheten und Psalmen an den Orten / da die angezogene Zeugnisse stehen / selbst nachlesest / und GOtt demüthig bittest und anflehest / daß er dir den Verstand öffnen wolle / zu mercken und zu verstehen / wie Christus und seine Apostel / das Alte Testament ausgelegt haben. Wenn du dir diese Mühe nicht ver- driessen lässest / (wie es denn einem Hertzen / so nach der gewissen Erkäntniß Christi begierig ist / vielmehr eine rechte Lust und Freude ist / als eine Mühe /) so betrittest du gleichsam unvermerckt den allersichersten und gewissesten Weg zur wahren Weißheit zugelangen. Denn du erlangest CHristum und seine Apostel selbst zu Lehrern und Vorgängern / und wirst von diesen als ein Kind in die Schule ge­nommen / unterwiesen und bey der Hand geleitet / recht zu lernen / wie du CHristum (111) als den Kern Heiliger Schrifft zur Beruhigung und seligmachung deiner Seelen suchen und finden sollest.

XVI. Wann du denn in diese Schule Christi und seiner Apostel eine zeitlang ge­gangen / von diesen Lehrern selbst in das Alte Testament / das ist / in Mosen / in die Propheten und Psalmen hinein gewiesen bist / und als ein fleißiger und auffmerck- samer Schüler wohl gelernet hast / was vor Oerter von ihnen vornehmlich angeführet worden / die Menschen von der Person / von dem Amt und von den Wohlthaten des Meßiä zu unterrichten / und sie zu überzeugen / daß JEsus derselbige sey / von wel­chem Moses und die Propheten geschrieben haben / nehmlich der Sohn GOTTES / und wahre Heyland der Welt; So hast du dieselbigen Oerter als das fundament an­zunehmen / oder in demselbigen den Grund zu legen einer gewissen und heilsamen Erkäntniß Christi aus der Schrifft. Und wann dieser Grund in der Schule CHristi und seiner Apostel recht geleget ist / so wirst du gar bald auch ihre gantze Sprache besser verstehen lernen. Denn auch in ihren Worten selbst und in ihren gewöhnlichen Redens-Arten wirst du mercken / daß sie allenthalben auff das Alte Testament zielen / und den innersten Grund desselbigen durch den Geist der Weißheit hervor suchen / also daß offt ein einiges Wort / wie Lutherus saget / durch das gantze Alte Testament siehet . 6

XVII. Darum ist hoch vonnöthen / daß man nicht allein jetzt gedachten Grund aus denen von Christo und seinen Aposteln angezogenen Orten des Alten Testaments mit allem Heiß lege; sondern daß man auch sich gewöhne / auff ein jedes Wort / wel­ches Christus und seine Apostel geredet haben / acht zu haben / es zu erwegen / woher es genommen / und was es für einen Nachdruck in sich fasse / zu bedencken; ja daß man mit CHristo und seinen Aposteln /vermittelst der Schrifften Neues Testaments /

Vgl. Vorrede zum vierten Teil der Genesisvorlesung Luthers, WA 44, XXXIII.