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V. Schriften zur Hermeneutik
als mit seinen besten Freunden ohne Unterlaß umgehe / und sich täglich mit ihnen gleichsam bespreche in der Betrachtung ihrer Worte und Reden.
(112) XVIII. So gieng David mit den Worten des Gesetzes um / wie aus dem CXIX. Psalm zu sehen: Daher er sagen konte v. 148. Ich wache frühe auff / daß ich rede von deinem Wort; oder / wie es nach dem Ebräischen lautet / meine Augen kommen denen Nachtwachen zuvor (wann sich die Nachtwächter hören lassen / bin ich schon munter) in deinen Worten zu meditiren / (darüber meine Betrachtung zu haben) wie vielmehr will uns gebühren die Worte des neuen Bundes / welche eine so grosse Seligkeit uns verkündigen / recht sorgfältig zu erwegen? Und so GOTT dem David seine meditation so wohl gesegnet / solte er uns seine Gnade darzu versagen? Ach möchte nur dieses / was gesaget ist / mit demüthigen / Lehr begierigen und Gnaden hungrigen Hertzen geschehen / und darbey der Seegen von GOTT ernstlich erbeten werden / so würde man wohl zu nehmen / tieff graben / einen festen Grund legen und die wahre Weißheit erlangen.
XIX. Denn wer wacker ist nach der Weisheit / darff nicht lange sorgen / oder / (nach dem Griechischen) wen die Begierde nach der Weißheit nicht schlaffen lässet / der wird als bald von Sorgen frey werden im Buch der Weisheit VI. 17. wer aber halßstarrig ist / und sich in dieser Schule der Weißheit nicht so fein niedrig und demüthig hält / sondern krieget bald einen Eckel an dem himmlischen Manna der Worte Christi seiner Apostel und Evangelisten will nicht fein alles in stillen Geiste erwegen / noch von einer Stuffen / wie sichs gebühret / zur andern gehen / sondern bald hoch herfahren / wie die fleischlich Gelehrten zu thun pflegen / der wird zu keiner Festigkeit noch Gewißheit gelangen / noch Christi als des rechten Kerns der Schrifft in seiner Seelen recht froh werden. Darum mercke diesen Rath wol / der dir gegeben ist / wo dirs anders ein Ernst ist CHristum in der Schrifft zu suchen / und ihn also zu finden / daß du ihn nicht in fruchtlosen Wissen / sondern in lebendiger Krafft voller und fruchtbringender Erkäntniß als den wahrhafftigen Heiland und Seeligmacher deiner Seelen erfahrest.
(113) XX. Wenn du so den Schlüssel des Alten Testaments recht hast kennen lernen / und von CHristo und seinen Aposteln selbst gelehret bist / wie du ihn recht gebrauchen sollest / so schreitest du in der rechten Ordnung fort zur Lesung / Betrachtung und tiefferen Erwegung des Alten Testaments; nimmest da gleichsam stets den Schlüssel mit / so offt du ins Alte Testament gehest / vergleichest andächtig- lich das Alte mit dem Neuen / den Schatten mit dem Wesen / die Bilder mit dem Gegenbilde / die Weissagungen mit ihrer Erfüllung. Dann wirst du mercken / warum Augustinus (Tr.9 in Johan.) gesaget: non sapit vetus scriptura, si non Christus in ea intelligatur, 7 das ist / man hat keinen Geschmack an den Schrifften Altes Testaments / wo man nicht CHristum darinnen erkennet. Hingegen wirst, du selbst erfahren / daß du viel Freude / Trost und Erquickung in den Schrifften Altes Testaments / auch in denen Oertern insonderheit (welche dir sonst verdrießlich und fast eckelhaflt gewesen zu lesen /) findest / dieweil du darinnen Christum so lieblich abgemahlet antriffst.
XXI. Je geübter du nun bist in der Betrachtung des Neuen Testaments / je leichter und hurtiger wirst du im Alten Testament fortkommen; Und wie du vorhin durch das Neue Testament in den Verstand des Alten bist eingeleitet worden / also werden dir nun Moses / die Propheten und Psalmen hinwiederum dienen müssen / das Neue Testament so viel gründlicher und tieffer zu verstehen; Und die beständige Harmonie und Übereinstimmung des Alten und Neuen Testaments wird dir eine
7 Augustin, In Joannis evangelium tractatus IX (MSL 34, 1460 f.).