3. Christus der Kern Heiliger Schrift, 1702

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grosse plerophorie oder Gewißheit des Glaubens geben / oder doch die erlangte Gewißheit unbeschreiblich stärcken und vermehren.

XXII. Dieweil aber alle Dinge durch exempel besser gefasset und verstanden werden / als durch die Lehren an sich selbst / so wollen wir zur Erläuterung dessen was gesaget ist / den Anfang des Evangelii Johannis nehmen. Denn es ist unleugbar / daß dieser Text einer der allerherrlichsten ist / und um des willen in der gantzen Lehre von Jesu Christo zum Grunde gesetzet zu werden pfleget. Darzu kommet / daß er sonderlich ins Alte Testament weiset / und insgemein für schwehr angesehen wird. Nun ist (114) nicht die Meinung den gantzen Sinn des Geistes / und dessen Breite / Länge / Höhe / und Tieffe vor Augen zu legen / allermassen dieses weder in mensch­lichen Kräfften stehet / (in dem aller Reichthum der Göttlichen Weißheit und Er- käntniß darinnen begriffen ist) noch der Zweck dieser einfältigen Anweisung eine auch durch die Gnade GOttes mögliche Ausführung der darinn enthaltenen Geheim­nisse erfordert. Indessen / da das Absehen ist / den Leser auff einige Weise die Betrachtung der heiligen Schrifft / und insonderheit das Forschen nach CHristo in derselbigen zu erleichtern / will von nöthen seyn / über diesen Text nehmlich den Anfang des Evangelii Johannis / unterschiedene Betrachtungen anzustellen / deren Neun seyn werden.

(115) Die erste Betrachtung.

Von der lautern Göttlichen Einfältigkeit / welche Johannes in diesem Anfang seines Evangelii gebrauchet hat.

XXIV. WAs Paulus schreibet I. Cor. II.1.2.4.5. gilt nicht allein von Paulo / son­dern ist ein rechtes proprium oder wahre Eigenschafft aller Apostel des Lammes. Und ich / spricht er / lieben Brüder / da ich zu euch kam / kam ich nicht mit hohen Worten / oder hoher Weißheit j euch zu verkündigen die Göttliche Predigt. Denn ich hielt mich nicht dafür / daß ich etwas wüste unter euch j ohn allein JESUM CHRISTUM den gecreutzigten. Und mein Wort und meine Predigt war nicht in vernünfftigen Reden menschlicher Weißheit; sondern in Beweisung des Geistes und der Krajft / auff daß euer Glaube bestehe / nicht auff Menschen Weisheit / sondern auff GOttes Krafft. So nun jemand von diesem Anfang des Evangelii Johannis anders hält / so kennet er Johannem nicht / der an der Brust JESU die rechte Weißheit der un­mündigen / und (116) die allerlauterste Einfältigkeit erlernet hat. Daß es aber das Ansehen hat / als ob er hoch herfahre /ist theils dero Majestät und Hoheit der Dinge / die er beschreibet / und der Krafft und Erleuchtung des heiligen Geistes / deren er theilhafftig worden / theils dem verkehrten Sinn des natürlichen Menschen / der von geistlichen Dingen nicht nach der Wahrheit zu urtheilen weiß / zuzuschreiben. Wenn der natürliche Mensch von der Einfältigkeit höret / so dencket er / diese Einfältigkeit sey Unverstand und Alberkeit; da doch die Göttliche Einfalt klüger ist / als die gröste Weisheit der Menschen. Bey dieser Einfältigkeit siehet der geistliche Mensch allein auff die Sache selbst / und ist im geringsten nicht um hohe Worte und ver­blümte Reden / noch um irgend einige Kunst / welche die weltlichen Redner suchen / bekümmert; sondern er suchet allein einen festen und gewissen Grund der Weiß­heit / darinnen die Seele wahrhafftige Ruhe finden könne / und wann er einen solchen Grund erreichet / und recht darauff gefußet / so sind ihm die schlechtesten und aller einfältigsten Worte / womit nur die Sache selbst / so / wie sie ein jeder am besten verstehen mag / ausgedrucket wird / am allerliebsten und angenehmsten. So muß man nun auch vom Anfänge des Evangelii Johannis halten. Es sind da keine hohe Worte menschlicher Weißheit / keine hochtrabende und weitgesuchte Reden / son-