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V. Schriften zur Hermeneutik
dem es ist da nichts / als die gröste und allerkindlichste Einfältigkeit -wo mit der Majestät und Hoheit der Sachen selbst in geringsten nichts benommen wird; ja je höher die Sachen sind / welche er vorbringet / je nöthiger war es / die allereinfältigsten Worte darzu zu gebrauchen. Denn Johannes ist ein allgemeiner Lehrer der Kirchen / welcher seinen Dienst am Evangelio so hat einrichten müssen / daß sich dessen die Ungelährten und Unverständigen so wohl als spitzige und verständige Leute / zu erfreuen hätten. Dieses ist aber das gerechte Gericht GOttes / daß biß auff den heutigen Tag die Schrifftgelehrten und Weisen sich verwundern müssen über die Weißheit derer / so mit Jesu gewesen sind / die doch ungelehrte Leute u. Leyen waren; wie sich ehmahls die Obersten / Aeltesten / Schrifftgelehrten / Hannas und Caiphas / u. wie viel ihr waren von Hohen-Priestergeschlechte über (117) die Freudigkeit Petri und Johannes verwundern musten Ap.Gesch. IV.5.6.13. Denn so heisset es recht / wie geschrieben stehet: Ich will zu nichte machen die Weisheit der Weisen / und den Verstand der Verständigen will ich verwerffen. Wo sind die Klugen? wo sind die Schrifftgelehrten? wo sind die Welt-weisen? hat nicht GOtt die Weißheit dieser Welt zur Thorheit gemacht 1. Cor. 1.19.20. Es. XXIX. 14. Cap. XXXIII.18.
XXV. Betrachten wir aber die Worte Johannis selbst / was ist doch wol hohes darinne? kan man auch wol ein wort darinnen finden / darinnen nicht die allergröste Einfältigkeit sey? Er redet von Christo dem Sohne GOttes / nennet ihn das Wort / bezeuget daß er im Anfang gewesen / ehe denn die weit erschaffen worden / daß er bey GOTT seinem lieben Vater gewesen; und da er ihme also die Ewigkeit als eine Eigenschafft GOttes zugeschrieben / und doch von ihm gesaget / daß er bey GOTT gewesen / woraus man etwa schliessen mögen / als streite es mit der Einigkeit des wahren GOttes / so kömmt er diesem falschen Begrieff seiner Worte in der grösten Einfältigkeit zuvor / und bezeuget / dieses Wort sey selbst GOtt und eines Wesens mit ihme von Anfang; ja um dieser aller lautersten Einfältigkeit willen wiederholet er / was etwa die Weisheit dieser Welt zuwiderholen nicht nöthig hätte erachten mögen. Dasselbige / spricht er / war im Anfang bey GOtt. Doch ist diese Wiederhohlung nicht unnützlich. Denn Johannes schauete gar tieff ein / was für grosse Herrlichkeit in dieser ewigen unbegreiffliehen Wesens- und Willens Vereinigung des Vaters u. des Sohnes liege / und da ihme durch Erleuchtung des heiligen Geistes vor Augen war die Klarheit / welche der Sohn bey dem Vater hatte / ehe die Welt war (Joh. XVII.5.) So druckte er solches mit den allerschlechtesten und einfältigsten Worten also aus: Dasselbige war im Anfang bey GOTT. Die Worte könnten unmöglich geringer / schlechter / klärer und einfältiger seyn; allein die Sachen / so darinnen begriffen sind / mögen anders nicht als von (118) einem stillem Geiste / so der Erleuchtung des heiligen Geistes gewürdiget ist / mit Verwunderung betrachtet / aber niemahls von einigen Menschen in ihrer unendlichen Tieffe erkant werden. Es betrachte nun ein jeder auch die übrigen Worte Johannis / gewiß / so er nur ein einfältiges Hertz dazu bringet / wird er kein ander Urtheil davon fällen können / als daß sie alle gantz schlecht und einfältig sind / dazu niemand die Künste der Gelehrten dieser Welt bedarff / sie zu verstehen; sondern da nur nöthig ist / das was so klar / so schlecht und recht vor die Augen geleget ist / mit einfältigem Hertzen und Glauben anzunehmen / dessen sich zu erfreuen u. zutrösten / und sich in Liebe u. Danckbarkeit mit dem allerfreundl. und leutseligsten Sohne Gottes / als dem ewigen Leben u. warhafftigem Liechte / welches sich mit der Menschheit vereiniget / damit es die Menschen zur ewigen und seligen Gemeinschafft seines unvergänglichen Lebens und herrlichen Liechtes bringen möchte / süßiglich im Geist u. in der Wahrheit zuvereinigen / damit man aus seiner Fülle nehmen möge Gnade um Gnade: welches / leider! die Gelehrten nach dem Fleisch allzusehr vergessen / wann sie nur alle Kräffte