3. Christus der Kern Heiliger Schrift, 1702
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ihres natürlichen Verstandes anspannen / (wo mit sie doch weniger als nichts aus- richten) den rechten Sinn der Worte Johannis zu erreichen. Eine grosse Barmhertzig- keit des HErrn ist es ja / so sie nicht auch von der eusserlichen Wahrheit / die so klar vor Augen lieget / irre gehen / sondern die ewige Gottheit u. wahre Menschheit CHristi / die Vereinigung seiner beyden Naturen / samt denen Wohlthaten / so uns durch die Menschwerdung Christi wiederfahren / daraus behaupten. Denn wo sie dieses thun / werden zum wenigsten andere nicht des einigen grundes ihrer Seligkeit durch sie beraubet. Ihnen selbst aber wird dieses keines weges helffen / sondern werden dermahleins mit Schaden erfahren / daß ihre Finsterniß das Liecht niemals ergrieffen / weil sie dem Berulf von der Finsterniß zu seinem wunderbahren Liechte (I. Petr. II.9.) nicht Gehör geben wollen. Ich bin das Liecht der Welt (spricht das ewige Wort Gottes Joh. VIII. v. 12.) wer mir nachfolget / der wird nicht wandeln in Finsterniß sondern wird das Liecht des Lebens haben. Darum hilfft kein (119) grübeln / kein disputiren / kein Buchstäbliches Wissen / keine äusserliche Gelehrsamkeit / das man das Licht des Lebens erlange; sondern es will schlechterdings dem Lichte der Welt nachgefolget seyn.
XXVI. Erschrecken aber soll man billig und sich entsetzen / wenn man die schweren Gerichte GOttes vor Augen siehet / wie GOTT den Verstand der Gelehrten dieser Welt verkehret / daß viele / welchen es gewiß an natürlichem Witz und Verstände nicht fehlet / sich an der grossen Einfalt des Wortes GOttes der gestalt ärgern / daß sie die klaren und einfältigen Worte auff mancherley weise verdrehen / und sich mit vieler Arbeit dahin bemühen / wie sie das Läugnen / auff einen andern Verstand ziehen / oder es in dem Begriff ihrer verderbten Vernunfft einzwingen mögen / was ihnen so klar unter die Augen leuchtet. 0 es solte uns das Exempel derer / welche diese Worte Johannis für GOttes Wort halten / und nichts desto weniger die ewige GOttheit / und Herrlichkeit unsers HErrn JEsu Christi verläugnen / das solte uns / sage ich / klug machen / daß wir uns hüteten / die Schrifft nicht zu unserm eigenem Verderben zu verkehren / hingegen aber uns mit mehrern Ernst befliessen / die einfältige Wahrheit GOttes mit einfältigem Hertzen anzunehmen und von GOtt den rechten Verstand zu erbitten / damit wir in seinem Liechte das Licht sehen möchten.
XXVII. Je zuweilen dringet die grosse Einfältigkeit durch alle Riegel und Siegel der verkehrten Vernunfft und irrdische Weißheit / so / daß sie den Menschen alles widersprechen benimmet / oder es durch eine höhere Krafft GOTTES gefangen hält. So erzehlet Spizelius 8 von einem in die Atheisterey oder Verläugnung GOttes ge- rathenen Menschen / daß er bloß und allein durch die ersten Worte des Evangelii Johannis / als er von ungefähr oder vielmehr durch die erbarmungsvolle Versehung GOttes die selbigen gelesen / seinen elenden und erbärmlichen Zustand wahr genommen / bußfertiglich bereuet und sich zu dem ewigen und lebendigen GOtt in der Wahrheit bekehret. Preiß sey der unendlichen Leuthseligkeit und Liebe GOttes unsers Heylandes / die sich so gar nicht unfi^Oj bezeuget lassen kan auch bey denen / welche am aller weitesten von ihr entfernet zu seyn scheinen!
XXVIII. So aber jemand die grosse Niedrigkeit / süsse Einfältigkeit / und die recht ungefärbte Weißheit der unmündigen in den Worten Johannis erkennen will / so ist vonnöthen / daß er die Gnade und Barmhertzigkeit vom HErrn erlange / in dem niedrigen / demüthigen und holdseligen Sinn dieses Jüngers des HErrn hinein zu schauen / und aus demselbigen Sinne von seiner gantzen Rede zu urtheilen. Ge-
8 Theophilus Spizelius (Gottlieb Spitzel) (1639—1691), lutherischer Theologe, Pfarrer in Augsburg. Über den Atheismus handeln u. a. seine Schriften Scrutinium Atheismi historico- aetiologicum, Augsburg 1663, und De Atheismi radiis, Augsburg 1666.