242
V. Schriften zur Hermeneutik
wißlich war die Brust dieses Jüngers mit wahrer Liebe zu dem Sohne GOttes so angefüllet / daß es das einige Geschaffte seines Geistes war / die Herrlichkeit / Majestät und göttliche Fülle der Gnade und Wahrheit des eingebohrnen Sohns vom Vater ihm selbst recht tieff ins Hertz zu drucken; und sich in dieser seligen Erkäntniß immer mit ihme zu vereinigen. Wie ihn nun / diese hertzliche Liebe zu dem / der ihn vom Anfang und hiß ans Ende geliebet hatte / (Joh. XIII/1.) in die Beschauung der Herrlichkeit desselbigen immer weiter hinein führete / und verursachete / daß er über der Liebe seines einig geliebten aller andern Dinge vergaß: Also lag ihm dann auch nichts mehr an / als daß er eben dieselbige allen Menschen zuerkennen geben möchte. Wie solte es nun diese brünstige Liebe zu seinem Heyland haben zu geben können / daß er auff einige hohe Worte gedächte / oder die Sache schwer und unverständlich machete? Vielmehr gab ihm diese Liebe die aller einfältigsten niedrigsten und schlechtesten Worte an die Hand / damit ja jederman ihn leicht verstehen / und so er der Würckung des heiligen Geistes nicht muthwillig widerstreben wolte / eben desselbigen allertheuresten Glaubens / zur Errettung seiner Seelen aus dem Reich der Finsternüß und Versetzung desselbigen in das Reich des hochgelobten Sohnes GOttes / theilhafftig werden möchte.
XXIX. Diese Betrachtung aber von der Einfältigkeit der Worte Johannis ist um deßwillen angestellet / dieweil es fast dahin kommen ist / daß sich gelährte und ungelehrte gleichsam darfür fürchten / und dieselbigen ansehen als hohe Worte / die (121) schwehr zu verstehen seyn / und die so dunckel und finster wären / daß sich nur die hohen Geister daran üben müsten / dieselbigen auszulegen. Dieser Irrthum bringet ja nicht geringen Schaden / und ist dahero nichts nöthigers / als daß man die grosse Einfältigkeit des göttlichen Worts / (wann auch denen Gelährten nach dem Fleisch die Decke so vor den Augen hanget / daß sie dieselbe nicht erkennen wollen) den demüthigen und einfältigen Seelen anpreise.
Wolan / rufft die Weisheit Esa. 55. v. 1. alle die ihr durstig seyd / kommet her zum Wasser / und die ihr nicht Geld habt / kommet her / kauffet und esset j kommet her und kauffet ohne Geld und umsonst / beyde Wein und Milch. Warum zehlet ihr Geld dar / da kein Brodt ist / und euer Arbeit / da ihr nicht satt von werden könnet? höret mir doch zu / und esset das Gute / so wird eure Seele in Wollust fett werden / neiget eure Ohren her / und kommet her zu mir / höret / so wird eure Seele leben : Denn ich will mit euch einen ewigen Bund machen / nemlich die gewissen Gnaden Davids.
XXX. Ach HErr öffne uns selbst die Augen / daß wir die lautere Einfältigkeit deines Worts erkennen / damit wir nicht ferner einen vergeblichen Ruhm machen von der deutlichkeit deines Wortes / und dabey in der That es für ein dunckeles und finsteres Wort halten. Laß uns nur recht acht haben auff dein Wort / als auff ein Liecht / daß da scheinet an einem dunckeln Ort (weil ja nicht das Wort / sondern der Ort dunckel ist:); ja gieb dann auch selbst einen hellen Schein in unsere Hertzen / brich in denenselbigen an als der recht Tag / und gehe in uns auff / als der helle Morgen-Stern / damit wir das helle Liecht deines Wortes / welches lauter Geist und Leben ist / in deinem Liechte verstehen mögen. Wige uns selbst unsere Ohren / und nimm die Decke von unsern Hertzen / auff daß wir deine Stimme / und die Stimme deiner Knechte als deine eigene Schäflein hören und dir nachfolgen. Mache zu nicht alle Menschliche Kunst / die dein Wort verkehret / und uns an deiner laute(I22Jren Erkäntniß verhindert. Bringe aber wieder herfür die Einfältigkeit deiner Erstlinge / welche die heimliche und verborgene Weißheit GOttes erkannten in grosser Niedrigkeit / und in derselbigen dich als den HErrn der Herrlichkeit mit so festen und star- cken Glauben annahmen / daß sie es für die höchste Freude hielten / dich mit ihrem Tode zu preisen. Laß uns auch also / liebster Heyland / von GOtt gelehret seyn / zu