244
V. Schriften zur Hermeneutik
allein die Weissagungen von Anbeginn / sondern auch der Geist Christi selbst in ihnen deutete / wie um die genaue Erkäntnüß der eigentlichen Zeit Daniel insonderheit bekümmert war IX. v. 2. (3.) auff die Beschaffenheit der Zeit des Meßiä / oder wel- cherley die Zeit des N. (263) Testaments seyn werde; worinnen ihr Vorzug vor der Zeit des alten Testaments bestehen werde.
Weil nun dieses die rechte geistliche / geheime / und alte / vom H. Geist selbst gerühmte Art ist Christum zu suchen und zu erforschen / so ist es billig / daß wir dieselbe Weise recht kennen und üben lernen. Dieses aber muß durch eben denselbi- gen Geist geschehen / d. i. man muß selbst des Geistes Christi theilhafftig seyn / wie Paulus sagt / als er von demselben Geiste redet: Wir haben denselben Geist des Glaubens empfangen. 2. Cor. IV,13. und Rom. VIII,9. Wer Christus Geist nicht hat / der ist nicht sein. Denn wo also Christus in uns ist / da verstehet man das Geheimnüß / das verborgen gewesen ist / vor der Welt her / und von den Zeiten her / nun aber offenbahret ist seinen Heiligen / (Col. 1,26) denn dieses Geheimniß ist / wie Paulus hiezu saget v.27. / Christus in uns / die Hoffnung der Herrlichkeit. Wenn eben derselbige Geist in uns ist / welcher in jenen war / so spiegelt sich ein Spiegel der Klarheit des HErrn in dem andern / und findet sich das einige Bild Christus in allen und jeden. O selige Beschauung! wer also in grosser Stille Christum in allen seinen Spiegeln beschauen / und selbst ein reiner und heller Spiegel Christi erfunden werden möchte.
LXVII. In dieser Ordnung wirst du dann den Christum mysticum, das ist / Christum in seinen Gliedern erkennen lernen / und auch in diesem Sinn wahr zu seyn befinden / was die Ep. an die Ebr. Cap. XIII,8. saget: JEsus Christus gestern und heute / und derselbe auch in Ewigkeit. Wo der Geist Christi war / da waren auch Christi Leiden; wo seine Leiden waren / da war auch die Hoffnung der Herrlichkeit darnach / wie Petrus in itzt angeführtem Orte bezeuget.
Wie nun der Proceß Christi von Anfang mit seinen Gliedern gespielet ist / so ist auch Christus in der gantzen H. Schrifft zu suchen / nicht allein / wie er das Haupt ist / und in seiner eigenen Person / sondern auch wie er durch seinen Geist alle seine Glieder belebet / in ihnen gewöhnet / gewircket / gekämpffet / gelitten / und die Welt überwunden. Denn soll Christus in seiner Fülle er( 264) kant werden / so muß er auch in seinen Gliedern erkant werden / worinnen ja er selbst allein alles in allem ist. Darauff hat ohne Zweiffel unser Heyland selbst auch seine Jünger gewiesen nach seinerAufferstehung / als er zu ihnen sprach: Muste nicht Christus solches leiden / und zu seiner Herrlichkeit eingehen? 9 Und aus eben dem Grunde waren auch die jenigen schuldig an allem vergossenen Gerechten Blut / von dem Blute an des Gerechten Abels / welche den HErrn selbst verfolgeten / Matth. XXIII,35.
Gleichwie aber der Gegensatz eine jede Sache klärer machet; also wirst du auch in der Schrifft / wenn du erst darinnen Christum Mysticum (oder Christum in seinen Gliedern) kennen lernest / den beständigen Gegensatz leichtlich mercken / und den Geist des Antichrists nicht allein an Kain / sondern an unzehlichen seinen Nachfolgern gewahr werden. Wie dann derselbige Gegensatz beständig und biß ans Ende fortgehet / und also der Schrifft Warheit / durch die Historie aller Zeiten / und durch die tägliche Erfahrung bestätiget wird. Der Gegensatz aber lieget nicht allein in den Personen und ihren contrairen Eigenschafften / sondern er gehet noch viel weiter. Denn was an einer Seiten Christo zugeschrieben / oder von Christo gesagt wird / das wird auch an der andern Seiten dem gantzen Antichristischen Theil / in einer entgegen gesetzten Weise zugeschrieben; immassen der Satan in allen Dingen GOttes
9 Luk. 24,26.