3. Christus der Kern Heiliger Schrift, 1702

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Affe ist. Wann nun in der gantzen Schrifft dieser Gegensatz recht in acht genommen wird / so wird Christus so viel besser in der Schrifft erkannt / und so ist auch die heil­same Application des Wortes GOttes desto leichter zu machen. So siehet man denn in des Abrahams Hause das Vorbilde Christi / den Isaac / und dessen Gegensatz den Ismael; in Isaacs Hause den Jacob / und dessen Gegensatz den Esau / in Jacobs Hause den Joseph / und dessen Gegensatz / alle seine Brüder / ehe denn sie gedemü- thiget waren. Gleichwie nach dem Evangel. Matthäo Cap. XXV. 10 am jüngsten Tage alle Völcker werden vor den Richterstuhl Christi versammlet / und die Schaafe zur Rechten / die Böcke aber zur lincken / (und demnach gegeneinander) gestellet werden; also sind sie in der gantzen H. Schrifft gegen einander gestellet / und liegen in einen stetigen Streit gegeneinander biß auf den Tag der völligen Scheidung in welchen Gegensatz dann (265) die Art und Weise der streitenden Kirchen Christi eigentlich zu erkennen ist: Deren Haupt-Fürst und König Christus selbst ist / wes­wegen er auch in seiner Zukunfft herrlich erscheinen wird mit (oder vielmehr / wie es im griechischen lautet IN) seinen Heiligen / und wunderbar mit (IN) allen Gläubigen (2. Thess. I. v. 10.)

LXVIII. Lerne aber nun fleißig aus der Schrifft / wie sich CHristus selbst als dein Heyland wolle finden lassen. Er ruffet zu sich die jenigen / welche mühselig und be­laden sind / und verheisset ihnen / daß er sie erquicken und ihnen Ruhe für ihre Seele schaffen wolle (Matth. XI,28.29) als der rechte Noah / der uns trösten solle in unser Mühe und Arbeit auff Erden / die der HErr verflucht hat (Gen. VI,29.) n daher kanst du gewiß seyn / daß du ihn unfehlbar finden werdest / wann du deine Sünde und dein Elend als eine schwere Last erkennest / und solches in Zerknirschung des Hertzens mit wahrem Glauben an solche seine so gnädige Verheissung / und in hertzlichem Ver­trauen auff sein Erlöse- und Mittler-Amt / zu ihm bringest. Anders aber wirst du deiner Last und Bürde nicht loß werden / es sey dann / das du dich zugleich ent­schlössest / sein Joch auff dich zu nehmen / und von ihm zu lernen / doch nicht (mercke das abermahl) daß du ihn vor einen Lehrer haltest / der nur das Gedächtnüß und Verstand erfüllen wolle / sondern der das Hertz will verändert wissen / und die That und Wahrheit fordert. Darum befleißige dich seinen und seines Vaters Willen zuthun / so wirst du erst recht inne werden / ob seine Rede aus GOTT sey / oder ob er von ihm selber rede. (Joh. VII,17.) Düncket dir sein Joch noch eine schwere Last zu seyn: so ist es ein Zeichen / daß du ihn noch nicht recht gefunden hast. Denn er bezeuget / sein Joch sey sanfft und seine Last sey leicht / Matth. XI,30. Daß du also in Tragung seines Jochs nicht ohn Unterlaß stete Mühe und Angst / sondern Ruhe für deine Seele finden solt: Und Johannes in der 1. Ep. im v. 3. lehret / daß seine Gebot nicht schwer sind. 12

LXIX. Darum must du so lange Christum mit Gebet und Flehen (266) suchen / biß du in der That befindest / daß er dir nicht eine Last / sondern eine Lust werde. Dann wirst du ihn nöthigen bey dir zu bleiben (Luc. XXIV,29.) Von deiner Natur und eigenen Kräfften wirst du solches nicht erlangen: sondern die Gnade JEsu Christi muß solches selbst in dir würcken. Seine Liebe / damit er dich geliebet / und noch liebet / muß in dein Hertz ausgegossen werden durch den heiligen Geist: Denn wer mich liebet / spricht er / der wird mein Wort halten / Joh. XIV,23. Seine Liebe aber ist das Licht / welches in dir das Licht einer wahrhafftigen Gegen-Liebe anzündet / das du seinen Willen gerne thust. Die Liebe zu Christo wird deinen Sinn verändern /

10 Matth. 25,31 ff.

11 1. Mose 5,29.

12 1. Joh. 5,3.

17 Peschke, Francke-Werke