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V. Schriften zur Hermeneutik
und dich seines Sinnes theilhafftig machen / daß du ihm ähnlich wirst / und er eine Gestalt in dir gewinnet. Er wird dir mit seiner Liebe zugleich seinen Geist mittheilen / und derselbige sein Geist wird dich in alle Wahrheit leiten / und zu allen guten antreiben / daß du es hinfort wirst ferne von dir seyn lassen etwas zu reden oder zuthun / womit du den Geist Christi betrüben möchtest.
So laß nun fahren den knechtischen Geist / welcher nur aus Furcht der Straffe das böse unterlasset / und das Gute thut. So weit du dich davon noch gefangen nehmen lassest; so weit hast du Christum noch nicht gefunden: Denn der Geist JEsu Christi ist nicht knechtisch. Denn er erkennet die Liebe seines Vaters / seinen Willen thut er gern / und sein Gesetz ist in seinem Hertzen / Ps. XL,9. Bitte GOtt um den kindlichen Geist / daß derselbe in dir ruffen möge / Abba / lieber Vater. 13 Je kindlicher dieses Abbaruffen wird / je mehr wird es so zu reden / in dein gantzes Wesen verwandelt / und je mehr dein Hertz mit dem Hertzen GOttes zusammen fliesset / also daß es im stetigen Anhängen ein Geist mit GOtt / (1. Cor. VI,17.) wird; je lauterer hast du auch Christum gefunden / ja seiner zu deinem Heyl genossen. Soltest du aber auch in stetiger Armuth des Geistes stecken / und müssest dein Christenthum unter lauter Angst / Furcht und Schrecken führen / woltest dich gern im kindlichem Geiste zu GOtt auffschwingen / findest aber keine Krafft dazu / ob du wohl die Sünde von Hertzen hassest: So lasse dich den Weg GOttes nicht befrembden. Das Körnlein scheinet wohl im Acker zu verfaulen / aber es fasset nur (267) seine Wurtzeln / und grünet dann desto lieblicher herfür / wird auch desto schönere und süssere Früchte bringen.
Dann du must dir ja nicht einbilden / daß du ohne Creutz Christum völlig finden / und seiner theilhafftig werden kanst. Die gantze Schrifft ist dir ein Rätzel / so lange du das Geheimniß des Creutzes nicht erkennest. Diß ist die heimliche verborgene Weißheit Gottes / welche GOtt verordnet hat vor der Welt zu unsrer Herrlichkeit: Welche keiner von den Obersten dieser Welt erkant hat; Denn wo sie sie erkant hätten / hätten sie den HErrn der Herrlichkeit nicht gecreutziget / 1. Cor. 11,7.8. Das ist es was Paulus saget: Wir predigen den gecreutzigten Christum / den Jüden ein Aergemiß und den Griechen eine Thorheit / 1. Cor. 1,23. und was Christus saget: Selig ist / der sich nicht an mir ärgert / Matth. XI,6. In solchem Aegerniß steckest du (ob du gleich daran dich nicht ärgerst / das Christus gecreutziget worden) wenn du nicht dich selbst verleugnest / dein Creutz auff dich nimmest täglich / und ihm nachfolgest / Luc. IX,23. Es muß das Geheimniß des Creutzes im Creutze erlernet werden / erlernet werden / sonst verstehet es niemand. Höre und liß den Buchstaben tausend Jahr / und beuge deinen Hals nicht unter dieses Joch / du wirst so dumm und unverständig bleiben / als du vorhin gewesen bist. Suche in der gantzen heil. Schrifft / und forsche / wie die Alten die Weißheit gelernet haben / du wirst keinen finden / der ohne Creutz dazu kommen ist / und solte es auch nur eine gründliche Verleugnung der Welt gewesen seyn / welche dem Fleische schon ein bitter Creutz ist / so daß es lieber alles äusser- liche Ungemach als dieses Creutz auff sich nimmt. Wer nicht die Freude sondern das Creutz lieb hat in dieser Welt / der kennet den Sinn Christi von aussen und innen / und hat selbst den Geist und Sinn Christi / erkennet das arme Leben Christi / und wandelt mit ihm auff einem Wege. Im Wohlthun CHristo nachfolgen ist edel: aber im Leiden / und in der Willigkeit zu leiden / ihm nachfolgen / ist viel edler. Das Creutz nicht allein leiden / sondern auch von Hertzen lieben / ist eine Weißheit über alle Weißheit. Du woltest auch gern den Kern der Schrifft finden; aber (268) wilst du auch gern den Kern der Weißheit / die Liebe zum Creutz? wilst du diesen nicht / so
13 Röm.8,15.