3. Christus der Kern Heiliger Schrift, 1702
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möchtest du wohl jenen von aussen besehen: aber du wirst ihn nicht kosten / noch zu deiner ewigen Freude theilhafftig werden. Hörest du wohl / daß du nicht kanst Christi Jünger seyn / wenn du nicht dein Creutz auff dich nimmst täglich / und ihm nachfolgest? Wie kanst du denn gedencken / daß du Christum finden wilt in der Schrifft / ohne Auffnehmung des Creutzes? Durch diese Weißheit / die nur in der Erfahrung gelernet wird / machet dich Christus Zum Freunde GOttes und Propheten / B. der Weißh. VII,27. Er giebt dir ein königlich Priesterthum / Offenb. XX,6. Er macht dich theilhafftig der göttl. Natur / 2. Pet. 1,4. was du vorhin lernetest von dem Amte und der Person JEsu Christi / ehe du dich von Hertzens-Grunde entschlossen sein Joch auff dich zu nehmen / war ohne Krafft und Leben bey dir. Darum spricht er: Nehmet auff euch mein Joch und lernet von mir / (Matth. XI,29.) Viele klagen / die Schrifft sey ihnen so schwer und dunckel; Daher sie auch nicht gerne drinnen lesen. Untersuchet man die Ursach / so fehlets an der Liebe zum Creutz. Multi sunt Theo- logi gloriae, pauci crucis. 14 Viel Creutz / viel Licht: wenig Creutz / viel Finsterniß und Thorheit. Paulus spricht: Es sey ferne von mir rühmen / ohne allein von dem Creutze unsers HErrn JEsu Christi / durch welchen mir die Welt gecreutziget ist / und ich der Welt / Gal. VI,14. und Ich bin mit Christo gecreutziget / Gal. 11,19. keinen gewissem und unbetrieglichern Weg kan dir iemand zeigen / Christum in der Schrifft heil- samlich zu finden / als diesen. Und wenn du alle andere gute Lehre annehmen / aber diese ausnehmen woltest / so würdest du nichts als den Schatten von ihm finden: ja du würdest ein falsches Licht kriegen j welches dir gefährlicher wäre / als wenn du nie von ihm etwas gehöret hättest. Damm wilst du Christum gewiß finden in der Schrifft / so schicke dich zum Creutz / so wird dirs nicht fehlen. Wage dich getrost hinein: Die Furcht ist ein schädlicher Betrug des Fleisches / und beraubet dich des allerbesten Schatzes. Gib dich ins Gebet / und schaue die unendliche und unbegreiff- liche Liebe an / die deinen Heyland bewogen (269) hat / sich für dich / seinen Feind / dahin zu geben / in die allertieffste Erniedrigung / und in die allerpeinlichste / so wohl innerliche als äusserliche Leiden. Solte dich das nicht bewegen zu einer lautern Gegen-Liebe / dein Leben hinwieder zu verläugnen / und es für die Brüder zu lassen / gleich wie er dich geliebet und sein Leben gelassen hat / (1. Joh. 111,16.) Glaube es: Dieser Melchisedech wird dich bald nach deinem Kampff mit Brod und Wein des Lebens erquicken / ls und durch seinen überschwenglichen Segen / dir sein königlich Pristerthum bestätigen. Dieser Segen wird dich also durchdringen / daß du dich nach einem kurtzen Kampff / mit einem königlichen und priesterlichen Sinn begabet finden wirst. Du wirst innen werden / daß der in dir lebet und herschet / der alles überwunden hat / und daß du gesalbet bist mit der Salbung / von dem der da heilig ist / 1. Joh. 11,20. Er wird dir geben alles zu überwinden / und mit ihm zu sitzen auff seinem Stuhl / gleich wie er überwunden hat / und gesessen ist auff dem Stuhl seines Vaters / Offenb. 111,21. Auch die / welche Christum in der Schrifft finden / finden ihn nicht auff gleiche Weise / noch in gleicher Maaß. Wenn du ihn findest als deinen Bräutigam / und dich als seine auserwehlte Braut / so findest du ihn am herrlichsten. Das ist kein Spiel der Worte: es ist Geist und Leben / die Braut stehet zu seiner Rechten in eitel köstlichem Golde / spricht David im Geist Psalm XLV,10. Wo wird diß von einem Engel gesaget in der gantzen heiligen Schrifft? Eine ist meine Taube / meine Fromme / eine ist ihrer Mutter die Liebste / die Auserwehlte ihrer Mutter / spricht Christus der Bräutigam / Hohe-Lied VI,8. Dieser allerhöchste Adel liegt im Creutz.
14 „Viele sind Theologen der Herrlichkeit, wenige des Kreuzes“; vgl. Luther, Heidelberger Disputation, WA 1, 362.
15 Vgl. 1. Mose 14,18.
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