4. Observationes Biblicae, 1695

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meine Widersacher / damit ich kein Wort gegen Sie rede / dafür ich dir an jenem Tage Rechenschafft geben müste / noch in Bitterkeit etwas ausstosse / damit mein eigenes Gewissen und die Hertzen deiner Kinder betrübet werden könten. Doch be­wahre mich auch für aller Heucheley / daß ich nicht Licht heisse / was doch Finsterniß ist / sondern verleihe mir und stärcke in mir je mehr und mehr die wahre dir wohl­gefällige Freudigkeit des Geistes / also zu schreiben / wie alles für dir in meinen Hertzen und Gewissen erkant wird. Wil denn die Welt auch die lautere Warheit / wie sie ohne falsch aber durch den Geist der Liebe ausgesprochen wird / für Bitterkeit und Schmähung half 426)ten / wie sie pfleget / so geschehe es auf ihre Verantwor­tung. Du aber wirst kein ungerechtes Urtheil sprechen über deinen Knecht. Endlich bitte ich dich / mein Vater! für alle meine Beleidiger und Widersprecher / welche mich für einen Gottlosen Verführer schelten / und wenn ich vor dir bete / und deines Nahmens Ehre und meines Nechsten Wohlfarth suche / solches alles einer übertünch­ten Boßheit zu schreiben / wie auch für die / so sich etwa durch anderer Verführung zu einem harten Worte wider mich / deinen Knecht / verleiten lassen. Behalte ihnen diese Sünde nicht / denn sie wissen nicht / was sie thun! 6 0! daß du vielen / welche dieses und anderes / so ich zur Erbauung meiner Neben-Christen geschrieben / zu lesen würdigen / die Augen öffnen (427) möchtest / zu erkennen / daß ich nicht das Meinige suche / sondern umb der Liebe willen zu dir und meinen Nechsten mich der Schmach der Welt unterwerffe / vielleicht möchten sie ihre Widrigkeit mindern und fahren lassen / und sich mit mir / und mit allen denen / die die Warheit erkant haben vereinigen / lieber mit dem Volcke Gottes Ungemach zu leiden / als die zeitliche Er- getzung der Sünden zu gemessen. Wen sie sich zu dir wenden / und deine Gnade von Hertzen suchen / so gedencke auch dieses meines Gebets für sie / daß du sie erhörest / und deinen Namen ihnen offenbahrest. Also begehre ich allein meine Lust zu sehen an meinen Feinden. Laß dieses mein Gebet für dir ausgebreitet seyn / HERR mein GOTT! und so sich jemand zu ferneren Widerspref 428)chen gegen mich rüsten solte / so zeige ihm / daß / gleich wie er siehet / daß ich diese Schrifft mit wohl- gefasseten Gemüth im Gebet und Flehen für deinem Angesicht geschrieben habe / er sich auch mit solchen Waffen wol versehen müsse / und so er gedencket / ich hätte alles aus Heucheley gebetet / daß er es denn zum wenigsten aus rechtem Ernst und ohne Heucheley versuche mit rechtschaffener Prüfung seines Gewissens für dir solche Arbeit anzufangen. So bin ich denn gewiß / du wirst ein getreuer Zeuge seyn in seinem Hertzen und Gewissen / Licht und Finsterniß zu unterscheiden / und dir und deiner Warheit die Ehre zu geben / welchem allein sey Lob und Preiß in Ewig­keit. Amen!

(429) Vorbericht

An den geliebten Leser.

NAch dem ich in diesem 1695. Jahr angefangen einige OBSERVATIONES BIBLICAS oder Anmerckungen über einige Oerter Heiliger Schrifft Monatlich heraus zugeben / und in denenselbigen die Teutsche Übersetzung des seel. Lutheri gegen den Original-Text zu halten und bescheidentlich zu zeigen / wo man dem eigentlichen Wort- Verstände näher kommen könne / und solches zur Erbauung in der Christlichen Lehre anzuwenden und im Gebet zu appliciren / hat (430) sich bald allerley Wiederspruch / dessen ich ja in allem dem / was ich zu Gottes Ehren jemahls angefangen / wohl ge­wöhnet bin / dargegen erhoben / und zwar Anfangs mündlich / da man so wohl meine

Vgl. Luk.23,34.