4. Observationes Biblicae, 1695
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Weise / wie sie angefangen worden / im Nahmen Gottes fortfahren; da dann auch in eben dieser Verantwortung nicht wenige zu meinem Zweck dienende Anmerckungen über besondere Oerter Heil. Schrifft werden angeführet werden / daß also der Sache selbst dadurch nichts abgehen / und vielmehr der Leser zum rechten Gebrauch derer Observationum Biblicarum angewiesen werden wird. Dazu denn nun hiemit der Anfang gemachet / und der sonst rückständige Monat Majus hierdurch ersetzet wird / woraulf die Continuation dieser Verantwortung im Monat Junio, und / wenn (435) noch etwas übrig / verhoffentlich auch die Endigung derselbigen mit göttlicher Hülffe im Julio, folgen soll. Im übrigen habe ich am beqvemsten gefunden das jenige / was zu beantworten nöthig seyn möchte / zum wenigsten was die generalia betrifft in gewisse Fragen abzufassen / damit die Antwort auff einen jeglichen Punct desto deutlicher erkant werden könne.
GOTT lasse alles / wie er darumb angeruffen ist / zu seines Heil. Nahmens Ehren und zu des Lesers Erbauung und Besserung gereichen um Christi Willen. Amen!
(436) Die erste Frage.
Was ich von Lutheri Person / Reformation und Lehre halte?
§. 1. Von der Person D. MARTINI LUTHERI halte ich also / daß ihn GOTT der HERR nicht allein mit grossen natürlichen Gaben gezieret / sondern ihm auch zu einer wahren und recht gründlichen Gottes-gelahrtheit seine Gnade überschwenglich verliehen / und ihn mit den Gaben seines Heil. Geistes so reichlich ausgerüstet hat / daß er so wohl das Lehr-Ampt in grosser Kraflft geführet / als auch in einem freudigen Helden-Glauben und beständiger Treue und Auffrichtigkeit gegen GOtt und den Nechsten denen / die zu (437) seiner Zeit gelebet / und allen Nachkommen ein ausbündiges und herrliches Exempel gegeben. Und wünsche ich von Hertzen / daß sonderlich zu dieser Zeit viel Lehrer auff das Exempel Lutheri sehen / und GOTT umb den Glauben / Muth und Freudigkeit Lutheri / demüthiglich bitten möchten / sich gegen das auch unter denen / die sich mit dem Nahmen Lutheri schmücken / in dem geistlichen so wohl als in andern Ständen überhand nehmende epicurische und heuchlerische Wesen eben so getrost und mit solcher Verleugnung ihrer selbst zu setzen / als Lutherus zu seiner Zeit keinen Scheu getragen hat / seine Stirn gantz unerschrocken dem Pabst und seinen Cardinälen / und der gantzen Clerisey / und allem was derselben anhängig zu (438) bieten / und die göttliche Warheit mehr / als aller Menschen Authorität geehret hat. Darinnen ehre ich die göttliche Krafft / so Luthero beygewohnet hat für viel tausend andern. Von seiner Reformation halte ich / daß ihn GOtt warhafftig zu solchem grossen Werck / nemlich die reine und Evangelische Lehre / welche im Pabstthum verdunckelt war / wiederum!) ans Licht zu bringen / erwecket und gebrauchet habe / also / daß einer nicht aus Gott noch von Gott gesandt seyn könte / so er eine Reformation der Kirche fürgeben wolte / welche der Reformation Lutheri entgegen gesetzet wäre. Sintemahl das Hauptwerck derselben darinnen bestanden / daß Menschen Werck / Lehre und Satzungen auffgehoben und abgethan / (439) und hingegen GOtt dem HErrn in dem gantzen Werck unserer Seligkeit alle Ehre lauterlich gegeben werden müsse / wie uns derselbe Christum JESUM gemachet hat zur Weißheit und zur Gerechtigkeit / und zur Heiligung und zur Erlösung 1. Cor. 1. v. 30. Daher ich denn auch endlich von der Lehre Lutheri auffrichtig also halte und glaube / daß Lutherus die wahre Evangelische / lautere / in Gottes Wort gegründete und Apostolische Lehre geführet / und auff einen solchen Grund gebauet / in welchem und keinem anderen wir zu GOtt kommen und selig werden können / also / daß ich glaube / Lutherus sey in solcher Lehre selig worden /