4. Observationes Biblicae, 1695

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meinem Zeugniß (454) haben / und seine Feinde meine Feinde / seine Freunde aber meine Freunde seyn würden. Denn Lutherus dienete nicht seinem Bauche / lebete auch nicht in Wollüsten / noch in Pracht und Hoffarth / sondern dienete seinen Gott und suchte dessen Ehre.

Die andere Frage.

Was ich insonderheit von des seel. D. Martini Lutheri teutschen Übersetzung der H. Schrifft halte?

Wer die Beantwortung der vorigen Frage recht erwogen / der wird schon zum theil selbst erkennen / was ich von der Version Lutheri halte. Denn daraus / daß ich Lutherum für einen getreuen Knecht Gottes / und der (455) mit grossen beydes natürlichen und geistlichen Gaben von Gott geschmücket gewesen / erkenne / fliesset von sich selbst / daß ich diese seine Arbeit / nemlich die Übersetzung H. Schrifft / nicht in geringen Werth halten könne. Ich glaube demnach allerdings / daß ein jeder den lautern Grund seiner Seligkeit aus der Version Lutheri erlernen und schöpffen könne / habe auch die intention nicht geführet / einigen Menschen dieselbige ver­dächtig zu machen / als ob eine unrichtige und ungöttliche Lehre darinn enthalten sey / und jemand einiger Verführung in Lesung derselben sich befahren müsse. Gleich wie auch Lutherus selbst den Geist Gottes hatte / also mochte nicht seyn / daß er in seine Version die er mit so gutem bedacht geschrieben / etwas setzete / welches mit (456) dem Sinne Christi und seines Geistes / der in ihm war / stritte / so viel insgemein die Lauterkeit des Glaubens und der göttlichen Lehre und des daher fliessenden rechtschaffenen Wesens / daß in Christo JEsu ist / betreffen mag. Und da sonsten Hunnius, 17 Hülsemannus, 18 Scherzerus 19 und andere Theologi deutlich erwiesen haben / daß man aus einer jeglichen Version den rechten Grund der Glaubens Lehre schöpffen könne / um des willen / daß Gott auff so mancherley Weise / und mit so vielfältiger Widerholung die göttliche Warheit in seinem Worte fürgestellet hat / und dieselbige in eine solche unzertrennliche harmoniam verbunden / daß ein jeglicher / wenn er nicht sich selbst verhindern und verblenden wil / von aller Warheit über- flüßig kan überzeuget (457) werden / ob gleich die Version an vielen auch wichtigen Orten ihre Fehler und Mängel habe; So sage ich noch vielmehr solches von der teutschen Übersetzung Lutheri / da ich ja erkenne / daß Lutherus als der Autor der Version eine lautere und göttliche Lehre geführet / und daher auch dieses nicht darinn zu befahren ist / daß an irgend einigen Orten möchten Irrthümer in der Lehre ein- gemenget seyn. So begehre ich auch keines weges zu läugnen / daß die Version Lutheri eine sehr grosse Wolthat Gottes sey / die er denen Teutschen wiederfahren lassen / indem zwar schon zur selben Zeit teutsche Bibeln vorhanden gewesen / aber diese zu erst aus dem Ebräischen und Griechischen Grund-Text verfertiget worden. Dabey denn auch mit allem Danck (458) zu erkennen ist / der grosse Fleiß und die unge­meine Arbeit / welche Lutherus und seine Collegen auf die Dolmetschung der Bibel gewendet; Und ist bey mir nicht die allergeringste Muthmassung / als ob Lutherus oder seine Gehülffen irgend etwas aus Vorsatz und muthwillig solten anders über­setzet haben / als es in dem Grund-Text lautet / und als sie den Verstand eines jeden Orts begriffen. Dazu glaube ich gewiß / sind alle die jenigen / so an diesem Werck

17 Aegidius Hunnius (15501603), Professor der Theologie in Marburg und Wittenberg, bzw. sein Sohn Nikolaus Hunnius (15851643), Professor der Theologie in Wittenberg und Super­intendent in Lübeck.

18 Zu J. Hülsemann, vgl. vorl. Ausg., S. 16.

19 Johann Adam Schertzer (16281683), seit 1667 Professor der Theologie in Leipzig.