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V. Schriften zur Hermeneutik
gearbeitet / allzu treu und redlich gewesen. So admirire ich auch gleichfals die grossen und theuren Gaben / welche Gott dem Luthero / gleich wie sonst in Auslegung und Erklärung / also auch insonderheit in Übersetzung der Heil. Schrifft mildiglich verliehen / den gefasseten Verstand des Grund- ( 459 ) Textes in feinen / deutlichen/ verständlichen und zugleich wohlklingenden und nachdrücklichen teutschen Worten auszudrucken / und also denen Teutschen eine solche teutsche Bibel vorzulegen / welche sie nach ihrer gewöhnlichen teutschen Redens-Art einfältiglich vernehmen und fassen könten. ZweifFele auch nicht / GOtt habe ihn sonderlich zu solchem Werck für andern erwecket und geschickt gemacht / und seyn wir ihm deswegen als einem Werckzeuge GOttes immerdar Danck schuldig / daß er das Eyß gebrochen / und den Weg gebahnet habe / darauff es allezeit leichter ist nachzufolgen / als vor an zu gehen. Ob auch gleich nach seiner Zeit / wie bekant ist / unterschiedene andere teutsche Versiones theils in diesem / theils im vorigen Seculo ( 460 ) heraus gegeben worden sind / so sage ich doch von Hertzen / daß / so viel ich deren gesehen habe / mir keine Version besser anstehet / noch einige lieber andern recommendiren wolte / als des Lutheri seine / wenn ich auch gleich gantz unpartheilich oder ohne absehen auff die Hochachtung / welche ich von Luthero erwehnter massen in meinem Hertzen habe / von allen reden wolte. Denn es auch nicht genug ist / daß etwas nach dem Grund-Text eigentlicher ausgedrucket sey / sondern es muß auch denen teutschen und sonderlich denen Einfältigen und Ungelehrten also die göttliche Warheit fürgeleget werden / daß ihnen die Sprache nicht fremde oder unverständlich sey / sondern es gleich fassen und begreiffen / wenn sie es lesen. Weil nun auch in diesem Stück Lu/46J/theri Version für allen andern teutschen Biblien wohl und nützlich zugebrauchen / und aus derselbigen die göttliche Warheit deutlich und lieblich zu vernehmen ist / so preise ich umb destomehr die Güte Gottes gegen uns / welche uns Teutschen ein solch edeles Kleinod geschencket und verliehen hat / und sage meines theils von Hertzen / daß ich nicht für aller Welt Ehre und Gut solches köstlichen Schatzes in meinem Leben hätte entrathen wollen / als welcher so wol mir selbst / sonderlich ehe ich die Grund-Sprachen gelernet / zur Erkäntniß meines Heyls den Reichthum der göttl. Warheit eröffnet / alsauch / so lange mir das Ampt eines Seelen- Hirten von Gott vertrauet worden / immer das beste und sicherste gewesen / und noch ist / darauf ich die Menschen weisen können.
/ 462 ) §. 2. Daß aber dieses / was ich von Hochachtung der teutschen Bibel Lutheri geschrieben / mir recht von Hertzen gehe / solches beweise ich auch durch Gottes Gnade mit der That selbst / indem ich ja dieselbe täglich in den Händen habe / und dieselbe beydes öffentlich und besonders / beydes zu anderer und meiner eigenen Erbauung handele und treibe; Bekenne auch frey / daß ich eben dieses für ein gewisses Kennzeichen halte / daß das Christenthum in unserer so genanten Lutherischen Kirchen gar sehr und schrecklich verfallen sey / daß zwar jederman / laut unser Evangelischen Lehre / recht und Freyheit hat / solche teutsche Bibel zugebrauchen / aber nun leyder! nicht allein die Ungelehrte und so genante Layen / sondern auch viele Gelehrte und Lehrer / 463 ) selbst dieselbige mehr als zu wenig lesen und betrachten / und daher so frembde und unbewandert darinnen sind / daß sie wohl solche Dinge / welche mit eben denselbigen und ausdrücklichen Worten in der Heil. Schrifft stehen / verwerffen und verketzern / nicht wissende / daß solche das lautere Wort Gottes sind. Es würde mancher zu mehrer und reicherer Erbauung seiner Zuhörer predigen / wenn er zum wenigsten in der teutschen Bibel sich mehr umgesehen hätte / so er ja die Erlernung der Grund-Sprachen in seiner Jugend versäumet. So müssen offtmahls allerley seltzame auch wohl ungereimte und thörichte Auslegungen / Histörichen / Emblemata, und andere ihre so genannte realia, welche