4. Observationes Biblicae, 1695
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billig ein feiner Prediger in Leipzig vor ei(464)nigen Jahren auff der Cantzel lappalia nennete / sich herbey ziehen lassen / damit die Zeit hingebracht / das Auditorium, wie man sagt / delectiret / oder vielmehr eludiret und gar nicht erbauet werde. Solchem Greuel würde bald abgeholffen werden / wenn die Prediger selbst / nach dem ersten Psalm / ihre Lust hätten an dem Gesetze des HErrn / und redeten von seinem Gesetze Tag und Nacht / 20 und beflissen sich auch selbst solches in ihr Leben zu verwandeln. Aber / woher kommet solches? Auff Schulen und Universitäten ist Gottes Wort insgemein das allerwenigste / das in die Jugend gepflantzet wird. Menschen Bücher / Wercke und Worte stehen nun leyder! oben an. Allerley Bücher lieset man / und allerley Collegia werden gehalten / aber (465) Gottes Wort bleibet zurücke. Denn kommet man ins Ampt / und soll andere Leute Gottes Wort lehren / und hat es selbst nie mit Fleiß gelesen / erwogen und betrachtet. Wie mancher Schüler kömmt von Schulen / der noch niemahls die Bibel recht durchgelesen; Und wolte man sagen / die Bibel werde täglich vorgelesen / so sehe man doch zu / ob es mit solchem Ernst / und auff solche Art und Weise geschehe / daß die Jugend dadurch zu einer rechten Liebe und zum wahren Verstände des göttlichen Worts geleitet werde? Wie ein verachtet Buch ist aber die teutsche Bibel bey manchem Studioso, wie wenig Zeit wird auff deren Lesung gewant / und geschiehets irgends / so ist man froh / wenn das Capitel aus ist. Aber ein bequem Exemplar der teutschen Bi(466)bel / oder zum wenigsten des Neuen Testaments zum täglichen Gebrauch oder Nachschlagen bey sich zu führen / ist wol gar verhaßt / u. wird bey manchen als Pietistisch gehalten / welches ihm Ursach genug ist solches zu unterlassen. Hierüber habe ich nun in dem zum andern mal edirten u. vermehrten Timotheo 21 mit mehrern geklaget. In diesem Stücke wünschte ich von Hertzen gerne eine neue durchgängige und nachdrückliche Reformation / beydes in Schulen und auch auff Universitäten / die keines weges der Reformation Lutheri zuwider / sondern vielmehr eine continuation der Reformation / und dem Zweck und Sinn Lutheri gantz und gar gemäß wäre / daß nemlich Gottes Wort das Hauptwerck würde / und man dasselbe nicht mehr als ein blosses Neben- Werck (467) tractirte. Ein jeder Lehrer solte ja das seine fürnehmste Arbeit seyn lassen / und all sein thun dahin richten / daß die Jugend zum rechten Verstände und Gebrauch des göttlichen Worts angewiesen würde / und auch auff diese Weise das Wort Christi reichlich unter uns wohnete. Es ist zwar gut und löblich / daß die Grund- Sprachen getrieben werden / und dieselbe werden noch lange nicht genug / noch mit gebührenden Fleiß auf Schulen und Universitäten getrieben. Aber man solte darauff sehen / daß man nicht an der Wissenschafft der Sprachen und Philologie behängen bliebe / sondern daß man fürnemlich die Sache selbst / welche uns in Gottes Wort fürgetragen wird / recht erkennen möchte / und solte dazu Gott umb die Erleuchtung (468) seines Heil. Geistes fleißig anruffen / und in der Betrachtung der göttlichen Warheit sich Tag und Nacht üben; sonderlich aber / weil die jenigen / welche zum Predig-Ampt zubereitet werden / in der Teutschen Sprache lehren und predigen müssen / solten auch dieselbigen die Teutsche Bibel ihnen billig vorher / ehe sie ins Predig-Ampt kämen / zu ihrer selbst eigenen Erbauung als ein tägliches Hand- und Hertzens-Buch fein wohl bekant machen. Lerneten denn die Leute auf niedern und hohen Schulen selbst mit der teutschen Bibel täglich umzugehen / und eine tägliche Nahrung und Speise für ihre arme Seele daraus zu nehmen / so würden sie denn auch / wenn sie selbst im Predig-Ampt wären so wohl für ihre Person solchen Schatz desto höher achten / als auch (469) ihre Zuhörer zu Lesung der teutschen Bibel Lutheri
20 Vgl. Ps.1,2.
21 Vgl. vorl. Ausg., S. 154 ff. 18 Peschke, Francke-Werke