262
V. Schriften zur Hermeneutik
mit mehrerem Ernst erwecken und auffmuntern / und ihnen aus eigener Erfahrung eine verständige Anweisung geben / wie sie solche mit Nutzen u. Erbauung lesen und betrachten könten. Da ich hingegen mit Warheit sagen kan / daß da man bishero die Exemplaria der Neuen Testamenter (weil dieses mit leichtern Unkosten geschehen können / als wenn man / wie es wohl zu wünschen wäre / so viele Exemplaria von der gantzen Bibel hätte auffbringen wollen) häuffig angeschaffet / (weil ich es für eins der fürnehmsten Stücke des mir anvertrauten Lehr-Ampts gehalten / die Leute zu fleißiger Lesung und Betrachtung göttlichen Worts zu bringen) und auch viele / sonderlich von geringen und einfältigen Leuten die(470) selbe zu gebrauchen angefangen / sich hier und da Widerstand gefunden / und eine neue Beschuldigung als verwerffe man das Alte Testament / daraus gemachet worden. Man hat spöttisch davon geredet / die Leute / bey welche man solche gesehen / durchgezogen / und wol gar das Volck dafür gewarnet / unter dem Fürwand / was ihnen nicht befohlen wäre / da sollen sie ihren Fürwitz lassen; Wodurch denn wohl Unverständige bewogen worden / wie mir dergleichen Exempel bekant sind / daß sie das Neue Testament andern weg genommen / zerrissen / und sonst sich übel dagegen bezeiget. Es ist noch nicht so gar lange / daß ein so genanter Geistlicher einen andern / der mir bekant ist / (und ich weiß / daß er die Warheit saget / und nicht lüget) als er in seif 471) ner Gegenwart das Neue Testament aus der Tasche gezogen / Gotteslästerlich angefahren: Eyl hat er auch des Teuffels Buch! Wie die andern darüber erschrocken / und ihn bestrafft / hat er geantwortet: Das Wort darinnen wäre ja Gottes / durch dessen unzeitigen Gebrauch sähe man ja aber jetzo wohl / was für Unheil entstünde. Ist denn das nicht ein rechter päbstlicher ja teufflischer Greuel / welcher in unserer Kirchen nicht solte gehöret noch geduldet werden / als dadurch man Luthero gantz offenbahrlich zuwider / und gegen GOTT undanckbar ist / der durch den Dienst Lutheri beydes Gelehrten und Ungelehrten / Männern und Weibern / Alten und Jungen sein Heil. Wort / solches selbst zu lesen / zu betrachten und ins Leben zu verwanf 472) dein in die Hände gegeben hat. Was darff man sich den wundern / wenn Prediger also von dem theuren Worte Gottes reden / daß das Volck dessen wenig achtet / und endlich nicht weiß / was Gottes Wort ist / wie ich denn befunden in der Erfahrung / daß viele / die sich Lutheraner nennen / nicht wissen / was das N. Testament für ein Buch sey / und ob es zur Bibel gehöre oder nicht? Welche schwere u. schreckliche Verantwortung wird GOtt der HERR dermahleins umb des willen von denen Predigern fordern?
§. 3. Ich hoffe aber / es soll ein jeglicher verständiger Mensch aus dem allen / was ich gesagt / leichtlich erkennen und schliessen / daß ich nicht die Leute von der teutschen Bibel Lutheri zurück halten / solches ihnen verdächtig machen / noch dagegen lästern (473) werde. Ich mag solchen Leuten wol antworten mit den Worten Christi: Ein jeglich Reich / so es mit ihm selbst uneins wird / das wird wüste / und ein Hauß fället über das ander Luc. XI. v. 17. Wie könte denn das mit einander bestehen / daß einer eine Sache andern recommendiren / ja alle Mittel und Wege suchen wolte / solches allen und jeden in die Hände zu bringen / wie ich durch Gottes Gnade mit Warheit sagen kan / und daß er doch zugleich eben dasselbige anderen verdächtig machen und verlästern wolte? Ich habe von Lutheri Neuen Testamentern mehren- theils einige in Vorrath / damit diejenigen / in welchen eine Liebe zum Worte Gottes erwecket wird / damit so fort versehen werden können / und so auch jemand die gantze teutsche (474) Bibel begehret / biete ich ihm dazu gar gerne und willig die Hand solche zu erlangen; Wie solte ich denn so gar wider mich selbst streiten / und die Leute auch zugleich davon abhalten / oder ihnen dasselbe verdächtig machen wollen / was ich ihnen doch selbst so ernstlich anbefehle? Daher man denn siehet / wie Herr D. Meyer / da er mich dessen beschuldiget / entweder meinen Zweck und