4. Observationes Biblicae, 1695 263
intention, welche ich bey denen Monatlichen Observationibus Biblicis gehabt / gar nicht begriffen / wie ich wohl glaube / und nicht wißen muß / wie sehr ich mich bemühe dem Yolck die teutsche Bibel Lutheri in die Hände zu bringen / oder boßhafftiger Weise mir solches andichtet / daß ich das Neue Testament Lutheri verdächtig gemachet.
( 475 ) §. 4. Worin bestehet aber der gantze Beweiß / daß ich Lutheri Version verdächtig mache / oder dawider lästere / wie man es im Leipziger Catalogo genennet / oder sie sonst verachtet und verhasset mache? Sonst hat man nichts / als daß ich die Observationes Biblicas herausgegeben / und in denenselbigen an ein und andern Ort gezeiget / wo man dem eigentlichen Wort-Verstände des Original-Textes näher kommen könne. Dis erhebt man u. machets so groß / als ob schon die Gefahr vorhanden sey / daß man der Lutherischen Kirchen das Begräbniß bestellen müsse j wie §. 7. Herr D. Meyer schreibet / und zwar / wie er fürgiebet / mit Thränen / welche ich ihm gerne glauben wolte / hoffe aber / er werde sich selbst priiffen / ob er solches aus der (476) Rhetorica oder aus der Warheit genommen. Die gantze Sache beruhet zu erst und fürnehmlich auff dieser Frage: Ob in der Übersetzung Lutheri nicht etwas zu finden sey / welches / ohne Verletzung und Abbruch der reinen teutschen Redens-Art / nach dem Grund-Text eigentlicher und nachdrücklicher gegeben werden könne? oder: ob es nicht in unserer teutschen Version mannigmahl versehen sey / da der von Luthero angezeigte Verstand nicht in dem Grund-Texte gefunden werde / ob wohl sonst derselbige nicht wider das Fürbild der heilsamen Lehre streitet? Denn es ist zweyerley / daß eine Sache an und vor sich selbst wahr sey / oder zum wenigsten nicht wider die Lehre der Gottseligkeit (477) streite / und daß sie an diesem oder jenem Ort gesaget werde. Nun sind die Einfältigen leicht zu überreden / wenn man sage: Lutherus habe nicht an allen Orten den rechten buchstäblichen Verstand des Grund-Textes getroffen; so verachte man damit Lutherum und sey alles erdichtet / was man von der Hochachtung Lutheri und seiner Übersetzung fürgebe. Weil nun an dieser Frage der Grund der gantzen Sache gelegen ist / so sol dieselbe besonders abgehandelt werden / und folget demnach:
Die dritte Frage.
Ob Lutherus in seiner teutschen Version der Heil. Schrifft an allen und jeden (478) Orten den rechten buchstäblichen Verstand des Grund-Textes getroffen / und nichts verbessert werden könne?
Ich antworte hierauf! frey und offenhertzig / daß / so hoch ich auch die Version Lutheri wegen der oben angeführten Ursachen halte / dennoch dieselbige an vielen Orten mit dem Grund Text nicht überein stimme / und gar sehr verbessert werden könne. Düncket jemanden dieses zu hart zu seyn / und wolte gerne das Gegentheil behaupten / nemlich Lutherus habe es allenthalben recht getroffen / und könne die Version an keinem Ort verbessert werden / so fordere ich von ihm dieses / daß er mir beantworte und wiederlege alles das (479) jenige was unsere Theologi selbst von der Zeit Lutheri an bis auff diesen Tag bey der Version Lutheri erinnert. D. Balth. Raithius hat selbst Vindicias Versionis Lutheri geschrieben / und also die Dolmetschung Lutheri von denen ihr fälschlich imputirten Fehlern gerettet; 22 nichts desto- weniger setzet er gantz nachdrücklich hinzu p. 622. Folget denn nun daraus / daß wir alles insgemein dahin billigen / was nur irgendswo in der Version stehet / und daß
22 Balthasar Raith (1616—1683), seit 1656 Professor der Theologie in Tübingen. Sein bedeutendstes Werk, Vindiciae versionis S. Bibliorum Germanicae B. D. Martini Lutheri labore editae, erschien 1676 in Tübingen.
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