1. Vom rechtschaffenen Wachstum des Glaubens, 1691

Die Predigt überDie wahre Glaubens-Gründung / Kräfftigung / Stärckung / und Vollbereitung, später von Francke sachgemäß unter dem TitelVom rechtschaffe­nen Wachsthum des Glaubens herausgegeben, ist die erste Predigt Franckes, die uns vollständig überliefert ist. Nach seiner Ausweisung aus Erfurt im September 1691 rief ihn Spener nach Berlin, um ihm in Brandenburg-Preußen eine neue Wir­kungsstätte zu verschaffen. Begleitet von einigen Studenten brach Francke von Gotha auf und besuchte auf der Reise nach Berlin seine pietistischen Freunde. So hielt er sich fast drei Wochen in Quedlinburg auf (vgl. Kramer, Beiträge, S. 155f.). Von dort fuhr er öfter nach Halberstadt. Hier hielt er am 21. Sonntag n. Trin. (1. November 1691) eine Predigt, durch die Gottsehr großen und augenschein­lichen Seegen verliehen (vgl. den Bericht Franckes an Spener vom 2. November 1691 bei Weiske, a. a.O., 26,1930, S. 112). Noch auf der Reise nach Berlin hat er diese Predigt schriftlich fixiert (vgl. Kramer, Beiträge, S.164), war jedoch völlig über­rascht, als ihm Anfang 1692 ein Druck der Predigt von Leipzig her in die Hände kam (vgl. Kramer, Beiträge, S. 170, 208). Gute Freunde hatten den Druck veranlaßt, um dem Vorwurf entgegenzutreten, Francke sei auf seiner Reise alsWinkelprediger aufgetreten und habe Irrlehren verkündet. Deshalb hätten sie diese Predigtzwar ohne des Herrn Autoris Wissen / doch verhoflfentlich nicht wider seinen Willen zum Druck befördert (Vorbericht zur Ausgabe von 1692, Frankfurt, bei M. Brodhagen, HB 182 C13).

Die Predigt erlebte in kurzer Zeit mehrere Auflagen (1698 5 ). 1693 hat Francke sie demGlauchischen Gedenkbüchlein angefügt und 1704 in die große Sammlung der Sonn-Fest- und Apostel-Tags-Predigten aufgenommen (SFA II, 727759). Bis in die letzten Jahre berief er sich auf diese Predigt als besten Beweis gegen den Vorwurf, daß er sich in seiner Lehre gewandelt habe. Sie könne jeden überzeugen, daß ervon Anfang bis hieher eineiley Lehr und Lehr-Art geführet (EP, Vorrede). In der Tat bietet die Predigt den besten Einblick in die Grundintentionen seiner Frömmigkeit und Theologie. Der Unterschied zu späteren Predigten liegt in der Sprache und in der Klarheit, mit der hier die Grundzüge seiner Frömmigkeit zum Ausdruck kommen. Hier redet der junge Prediger, erfüllt von der Erfahrung der eigenen Bekehrung, hindurchgegangen durch Verfolgung und Streit, ungewiß, was die Zukunft bringen wird.

Wir geben im folgenden den Text nach dem ersten von Francke selbst autorisierten Druck im Anhang zumGlauchischen Gedenkbüchlein, S.459*572, wieder. Da dieser Text nur geringfügig unterteilt ist, haben wir die in der Sammlung SFA ge­setzten Zäsuren übernommen.